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Als Fotos noch Geschichten erzählten

Hamburg Als Fotos noch Geschichten erzählten

Das Hamburger Haus der Photographie feiert seinen Gründer F. C. Gundlach mit einer Retrospektive zu Peter Keetman.

Hamburg. . Es gab eine Zeit, da erzählte eine Fotografie noch eine Geschichte – weil sie ein Unikat war und einen unwiederbringlichen Moment festhielt. Das war lange vor Instagram und vor der Bilderinflation, die mit der Digitalfotografie einherging, als man diejenigen, die das Metier zur Kunst veredelten, noch Lichtbildner nannte.

Einer der letzten aus dieser Zeit ist F.C. Gundlach. Der Hamburger wurde in diesem Jahr 90 Jahre alt, weshalb das Haus der Photographie in den Deichtorhallen seinem Gründungsdirektor nun eine große Ausstellung widmet. Nicht mit seinen Bildern, sondern mit solchen, die er gesammelt hat. Denn F. C. Gundlach verfügt vermutlich über die größte und wertvollste Privatsammlung an Fotografien des 20.

Jahrhunderts. Er war mit vielen Großen seines Fachs befreundet, und einer von ihnen wird nun deutlich hervorgehoben – Peter Keetman (1916-2005), der Gundlach seinen Nachlass vermacht hat und dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt. Ein zweiter Anlass für die Schau.

Keetman ist ein wenig in Vergessenheit geraten, umso mehr lohnt sich die Wiederentdeckung. Denn der Mann hat nicht nur mit seinen schwarz-weißen Bildfindungen den Kanon der Fotokunst geprägt, er hat auch selbst einige Wandlungen durchgemacht. Er sei „kurze Zeit“ Nazi gewesen, weiß Gundlach über seinen Freund zu berichten, der aus dem Krieg mit einem amputierten linken Bein zurückkam. Und mit Fotos, die – sympathisierend – ukrainische Bauern zeigen, bei denen er als Eisenbahnpionier einquartiert war. Oder Bilder von deutschen Soldaten, die mit geplünderten Pferdefuhrwerken und Kartoffelsäcken ein brennendes Dorf verlassen. Solche Fotos aus dem Russland-Feldzug konnten 1942 geradezu als Widerstandshandlung interpretiert werden.

„Keetman hat nach dem Krieg die Fotografie vom Ruch der Propaganda befreit“, sagt Kurator Sebastian Lux. Er begann nach einem Meisterkurs an der Staatslehranstalt für Lichtbildwesen in München, was andere Künstler auch taten: Sie schufen abstrakte Werke und versuchten damit, an eine Entwicklung anzuknüpfen, die die Nazis mit Gewalt unterbunden hatten – die Moderne. Bewegung und Strukturen hielt Keetmann auf seinen Bildern fest, eine „gestaltete Welt“, wie die Retrospektive heißt. Er entdeckte Ornamente in der Natur, zum Beispiel in schlichten Wassertropfen, er fand Schönheit aber auch in Technik und menschlichem Alltag.

1953 verbrachte Keetman eine Woche im Volkswagenwerk, von wo er eine Bilderserie mitbrachte, die den Glanz des beginnenden Wirtschaftswunders anhand der seriell gefertigten Produkte in Szene setzte. Die Fotos zeigen die Struktur von in Reih und Glied aufgestellten VW-Käfern oder die Parade der Kurbelgehäuse. „Stadt in Bewegung“ heißt eine andere Serie, in der Keetman mit Mehrfach- und Langzeitbelichtung den Wiederaufbau begleitete, insbesondere das Erwachen des öffentlichen Lebens auf Plätzen und Straßen Münchens. In eine Sackgasse der Fotografieentwicklung begab er sich mit Lichtpendel-Aufnahmen. Bei Dunkelheit nahm er das Licht einer schwingenden Lampe auf, wodurch sich ein Muster abbildete, das man heute einem digitalen Grafikprogramm zurechnen würde.

Anders als Gundlach, der als Modefotograf international bekannt wurde, hat Keetman nie den Glamour gesucht oder gestaltet. Zu Luxus und Moden haben sich andere Gundlach-Freunde hingezogen gefühlt, die bei der Geburtstagsschau nur einen bescheidenen Platz zugewiesen bekamen: die US-Amerikaner George Hoyningen-Huene (1900-1968), Richard Avedon (1923-2004) und Irvin Penn (1917- 2009). Alle drei haben in ihrer Zeit die Illustriertenfotografie revolutioniert und mit Porträts bleibende Star-Ikonen erschaffen. Und sie haben, wie Kuratorin Sabine Schnakenberg beteuert, ein neues Bild der (emanzipierten) Frau geprägt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ihr Ruhm den des bescheidenen Peter Keetman bis heute überstrahlt.

Michael Berger

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