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Als Sport zu Kunst wurde

Bremen Als Sport zu Kunst wurde

Max Liebermann und die Bewegung: Die Bremer Kunsthalle zeigt eine spektakuläre Ausstellung.

Bremen. Die Gischt schäumt, das Pferd scheut, es hebt den Kopf und dabei fast den Reiter aus dem Sattel – so zeigt Max Liebermann das Ausreiten auf seinem Bild „Reiter und Reiterin am Strand“. Bewegt erscheinen darauf nicht nur Meer, Mensch und Tier, von Beweglichkeit zeugt auch der Bildausschnitt, der dem Paar Luft in Blickrichtung bietet und dafür Schwanz und Huf eines Pferdes hinterm Gemälderand belässt, was die Dynamik der Bewegung unterstreicht.

Zu besichtigen ist das Bild dieses bedeutendsten Vertreters des deutschen Impressionismus jetzt in der Kunsthalle Bremen – in einer Ausstellung, die eine Visite in Bremen lohnt: Mehr als 140 Werke aus einer der produktivsten Schaffensperioden Liebermanns (1847-1935) und von etlichen seiner Zeitgenossen wurden dafür aus sechs Ländern und von drei Kontinenten ausgeliehen, zusätzlich zu eigenen Beständen der Kunsthalle und deutschen Leihgaben. Manches ist eine Premiere. So war Liebermanns „Reiter am Strand mit Foxterrier“ seit 1912 nicht mehr in Deutschland zu sehen. Und noch nie dagewesen ist die thematische Ausrichtung dieser Liebermann-Schau.

Denn erstmals führt die von Kunsthallenkuratorin Dorothee Hansen konzipierte Ausstellung Ölgemälde, aber auch Zeichnungen und Aquarelle Liebermanns zu Schwimmen und Reiten, zu Tennis, Pferderennen und Polo, zum Segeln und Boxen zusammen, zu Beschäftigungen also, die damals weitgehend den begüterten Kreisen vorbehalten waren.

„Max Liebermann – vom Freizeitvergnügen zum modernen Sport“ lautet der fast harmlos klingende Titel der Ausstellung. Vor allem Tennis und Reiten würden im ausgehenden 19. Jahrhundert zu „den modernen Kulturtechniken einer schicken, sportlichen und international orientierten Schicht“, sagt die Kuratorin. Doch Liebermann interessiert sich nicht nur für die sportliche, sondern auch für eine soziale Beweglichkeit der nur auf den ersten Blick so festgefügten wilhelminischen Gesellschaft. So sind bei „Reiter und Reiterin am Strand“ (1903) die Geschlechterrollen noch sittsam verteilt: Der Herr reitet rechts und eine halbe Länge hinter der Dame. Zum einen, damit er keinesfalls ihre nicht gespreizten Beine berührt, zum anderen, damit er ihr nötigenfalls beispringen kann, falls sie aus dem Damensattel sinken sollte. Immerhin spottete man damals schon über die Leibesertüchtigungen der Oberschicht. Und kein Zufall ist es, dass Liebermanns „Tennisspieler am Meer“ (1901) ein Doppel von Damen und Herren zeigt – das Spielfeld galt als „Verlobungszwinger“.

Doch was heißt schon Spielfeld? Damals spielten bessere Kreise noch auf dem Gras vom „Sportterrein“ des Oranjehotels im holländischen Seebad Scheveningen, wo auch Liebermann viele Sommermonate verbrachte. Er ist aber auch oft ins einfachere Nordwijk gereist, das er schon länger kannte. „In seiner früheren, realistischen Schaffensperiode hatte er dort Muschelfischer, Kuhhirtinnen oder eben die badenden Dorfkinder gemalt“, sagt Hansen. „Die Welt der kleinen Leute eben.“ Widmete sich Liebermann mit dem Wechsel zum Impressionismus statt der sozialen Realität lieber der Welt seiner Kunstkäufer? Künstlerisch war er um die Jahrhundertwende längst etabliert, finanziell war der Industriellensohn eh nicht auf Verkäufe angewiesen. Das Milieu, das er malte, war einfach sein eigenes.

Er ritt selbst aus, seine Tochter Käthe malte er hoch zu Pferde, und sie spielte selbstverständlich auch Tennis.

Was Max Liebermann eigentlich bewegte, zieht sich wie ein roter Faden durch die Bremer Ausstellung: die Darstellung der Dynamik, der eingefrorene Bewegungsablauf. Dorothee Hansen hat bewegte Rückenpartien wie bei der mit dem Schläger ausholenden Tennisspielerin noch auf weiteren Skizzen und Bildern Liebermanns entdeckt.

Seine Begeisterung für Bewegungsabläufe illustriert die Ausstellung auch anhand von Zeichnungen Edouard Manets sowie von Malereien und Skulpturen von Edgar Degas, die Liebermann beide verehrte. Fast noch dynamischer wirkt „Der Jockey“ (1899), eine Lithografie des gleichfalls von Liebermann geschätzten Henri Toulouse-Lautrec, die ein Pferderennen aus der Perspektive eines Mitreitenden zeigt.

Max Liebermann, der Künstler genau beobachteter Bewegung – und auch ein Beobachter bewegterer gesellschaftlicher Verhältnisse? In manchem der Bilder, die jetzt in Bremen zu sehen sind, scheint jedenfalls schon die Vorahnung späteren Wandels spürbar.

Daniel Alexander Schacht

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