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Als das Material den Menschen besiegte

Verdun Als das Material den Menschen besiegte

Vor 100 Jahren begann die Schlacht von Verdun. Die Kämpfe stehen noch immer für die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Ersten Weltkrieges.

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Erbitterte Kämpfe mit Flammenwerfern und Handgranaten: Deutsche Soldaten greifen die Höhe „Toter Mann“ an.

Quelle: dpa

Verdun. Am 21. Februar 1916 um 8 Uhr 12 fiel der erste Schuss der Schlacht von Verdun. Ein Marinegeschütz des Kalibers 38 Zentimeter feuerte aus 30 Kilometer Entfernung auf die Stadt, die Granate schlug neben der Kathedrale ein. Dieser Schuss war der Auftakt zu einem Trommelfeuer, wie es die Welt nocht nicht erlebt hatte. 1225 Geschütze hatten die Deutschen zusammengezogen, 2,5 Millionen Granaten lagen bereit. Ein ungeheurer Aufwand, der aus der bereits seit 1915 bekannten Materialschlacht die Über-Materialschlacht machte. Und aus Verdun einen emblematischen Ort.

Verdun steht nicht nur für die endgültige Industrialisierung des Krieges. Verdun steht auch für die ungehemmte Brutalisierung, für den vollständigen Verzicht auf Strategie und vor allem für Sinnlosigkeit. Nach 300 Tagen und Nächten lagen die deutschen und die französischen Truppen wieder in den Ausgangsstellungen vom 21. Februar. Nur waren in diesen 300 Tagen und Nächten mehr als 300 000 Soldaten gefallen, mehr als 600000 wurden verwundet oder galten als vermisst. Wahrlich ein emblematischer Ort, dieses Städtchen im Osten Frankreichs. Hier sollte die französische Armee sich verbluten, so der zynische Plan des deutschen Oberbefehlshabers Erich von Falkenheyn. Dieses perfide Vorhaben hätte auch funktioniert, wenn nicht die Briten an der Somme und die Russen im Osten angegriffen hätten.

Verdun ist aber auch ein Erinnerungsort für Frankreich, ein Ort, an dem die kollektive Erinnerung sich kondensiert. Der französische Historiker Pierre Nora hat diesen Begriff geprägt, er ist aus der modernen Geschichtsschreibung nicht mehr wegzudenken. Verdun stand und steht in Frankreich für Kampf, Aufopferung und letztlich Sieg. „Sie sind nicht durchgekommen“ steht auf dem Denkmal, das den Gipfel des Hügels „Toter Mann“ ziert. Sie sind wirklich nicht durchgekommen, die deutschen Soldaten, die die „Hölle von Verdun“, das sie „Ferduhn“ nannten, fürchteten und dennoch immer wieder in die Schlacht zogen. Verdun als französischer Erinnerungsort stand auch für den Mythos, dass Befestigungen Schlachten entscheiden können. Nach dem Ersten Weltkrieg verschanzten sich die Franzosen deshalb hinter der Maginot-Linie, die die Deutschen einfach umgingen. Verdun fiel im Zweiten Weltkrieg an einem einzigen Tag.

In Deutschland gestaltete sich die Erinnerung an die Schlacht anders. Man hatte nicht nur die Schlacht von Verdun, sondern gleich den ganzen Krieg verloren, hinzu kam die Demütigung durch den Vertrag von Versailles. Verdun war auch in Deutschland ein Mythos, ein Erinnerungsort sogar. Hier in der Mondlandschaft des Schlachtfeldes wurde ein neuer Menschentyp geboren, der seelisch und körperlich stählerne Frontkämpfer, der bis zum letzten Augenblick seine Pflicht tut. Gerade die nationalistischen Schriftsteller versuchten dieser Schlacht, die ein Beispiel für Sinnlosigkeit war, im Nachhinein Sinn einzuhauchen. Paul C. Ettighofer, Werner Beumelburg, Hans Zöberlein und wie sie alle hießen erhoben den Frontsoldaten des Typs Verdun zum Vorreiter des Neuen Menschen, den schließlich das Dritte Reich hervorbrachte. Verdun geriet in Deutschland erst in Vergessenheit, als die 6. Armee in Stalingrad unterging. Die Stadt an der Wolga ist seitdem ein Erinnerungsort für viele Deutsche, an Verdun denkt man nur an Gedenktagen.

Noch immer ist der millionenfach durch Granaten umgepflügte Boden vergiftet. Zwei Millionen Blindgänger sollen noch im Erdreich liegen, immer wieder werden die Überreste Gefallener gefunden. Im zentralen Mahnmal, dem Beinhaus von Douaumont, sind die Skelette von 130000 nicht identifizierten deutschen und französischen Opfern der Kämpfe beigesetzt, gleich nebenan befindet sich das Museum zur Schlacht, das zum Jubiläum erweitert und neu gestaltet wurde.

1984 besuchten Bundeskanzler Helmut Kohl und Frankreichs Präsident François Mitterrand Verdun, am 29. Februar treffen sich dort Angela Merkel und Staatspräsident Michel Hollande. Deutschland und Frankreich sind Freunde geworden, seit 2009 weht über dem Douaumont neben der französischen und der Europaflagge auch die deutsche.

Besuche in Verdun

Das Schlachtfeld von Verdun ist noch immer verseucht durch Giftgas und die Rückstände von Sprengstoffen. Im Boden sollen noch zwei Millionen Blindgänger liegen — man sollte unbedingt auf den offiziellen Wegen bleiben. Das Mitnehmen irgendwelcher Relikte der Schlacht ist streng verboten, die französische Justiz versteht in diesem Punkt keinen Spaß. Besichtigt werden können die Überreste der Forts Douaumont und Vaux, in deren dunklen Gängen man sich noch heute vorstellen kann, wie es während der Schlacht dort zuging. Sehenswert ist das Museum Memorial ebenso wie das Beinhaus. Von dessen Turm hat man einen großartigen Blick über das ehemalige Schlachtfeld.

Jürgen Feldhoff

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