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Als der Kasper in den Krieg zog

Lübeck Als der Kasper in den Krieg zog

Das Lübecker Figurentheater widmet sich am Wochenende wieder der Rolle des Puppenspiels als Mittel der Propaganda während der Nazi-Herrschaft.

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Hartmut Liebsch in seinem Stück „Herrmann geht nach Engelland“, mit dem er morgen im Figurentheater Lübeck auftritt.

Quelle: Fotos: Figurentheater Lübeck

Lübeck. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten von 1933 bis 1945 geriet auch das Puppenspiel ins Visier der Mächtigen. Wie sich das Figurentheater in der Diktatur zum Propagandainstrument entwickelte, welche Rolle es andererseits aber auch als Mittel des Widerstands spielte, zeigt das Figurentheater Lübeck von heute bis zum Sonnabend in mehreren Veranstaltungen.

LN-Bild

Das Lübecker Figurentheater widmet sich am Wochenende wieder der Rolle des Puppenspiels als Mittel der Propaganda während der Nazi-Herrschaft.

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Es ist bereits das dritte Mal, dass sich das Theater im Kolk diesem Thema widmet. „Es gewinnt immer wieder an Aktualität — leider“, sagt Stephan Schlafke vom Kobalt Figurentheater, das seinen Sitz im Kolk hat. „Es gab im Dritten Reich kleine Widerstandstheater, die sich gegen das Regime wandten, vor allem in den besetzten Gebieten. Diese kleinen Theater mussten mit minimalen Mitteln arbeiten.“

Und genauso sind die Arbeiten von Schülerinnen und Schülern der Thomas-Mann-Schule entstanden. „Die Schüler sollten sich gedanklich in die Situation versetzen, in einer Diktatur zu leben. Pappe und Papier waren dann die Mittel, mit denen Puppen und Kulissen für fünf kleine Widerstands-Stücke gestaltet worden sind“, sagt Christiane Klatt, die beim Figurentheater Lübeck den Bereich Theaterpädagogik leitet. „Wir wollen damit auch zeigen, dass man die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte auch mit Mitteln des Figurentheaters leisten kann.“

Schon bald nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler 1933 wurde auch das Puppentheater „gleichgeschaltet“. Das in den 1920er Jahren entstandene politische Figurentheater hatte keine Chance mehr, der „rote Kasper“, der die bösen Kapitalisten verhaute, musste abtreten. 1938 kam es zur Gründung des Reichsinstituts für Puppenspiel, das dann für die zentrale Steuerung und propagandistische Ausrichtung des Puppenspiels zuständig war. Nach Kriegsbeginn 1939 wurden Puppenspieler auch an Fronttheatern eingesetzt, der Kasper zog in den Krieg an der Ost- und Westfront. In Deutschland wurden währenddessen nonkonformistische Puppenspieler mit Berufsverbot belegt oder in Konzentrationslager verschleppt. Figurentheater, die die „Gleichschaltung“ mehr oder weniger freiwillig mitmachten, profitierten hingegen von den neuen Möglichkeiten, die sich nun boten. Die Organisation „Kraft durch Freude“ der Pseudo-Gewerkschaft „Deutsche Arbeitsfront“ zum Beispiel veranstaltete große Tourneen für Puppentheater.

Das Lübecker Figurentheater beginnt sein kleines Festival morgen mit einer szenischen Lesung über Aspekte der Entwicklung des Figurentheaters von den 1920er Jahren bis 1945. Der Vortrag wird begleitet von gespielten Szenen, Fotos, Projektionen und historischen Texten, die von Silke Technau und Stephan Schlafke (Kobalt Figurentheater Lübeck) und Christiane Klatt (puppen.etc) gelesen und gespielt werden. Dabei soll deutlich werden, dass sich gerade in den Jahren nach Ende des Ersten Weltkrieges in Deutschland eine ungemein lebendige und experimentierfreudige Puppentheater-Szene entwickelt hatte. Nach 1933 galt diese Kunst jedoch als „entartet“, „der Kasper wurde urdeutsch eingemeindet und musste bis zur Front marschieren“, sagt Stephan Schlafke dazu.

Nach der Lesung tritt Hartmut Liebsch mit seinem Stück „Herrmann geht nach Engelland“ auf. Die Geschichte ist ausgesprochen schräg und spielt im Mai 1941. Der Bauchredner und Puppenspieler Herrmann ist zur Truppenbetreuung ins besetzte Frankreich beordert worden, um die Kampfmoral der Soldaten zu heben. Sein Stück „Der Jude im Dorn“, mit dem er an der Ostfront großen Erfolg gehabt hatte, kann er allerdings nicht zeigen, weil der Hauptdarsteller Levi Blauspan spurlos verschwunden ist. Außerdem stellt sich das Krokodil als Spitzel heraus, die anderen Figuren haben auch ihre dunklen Geheimnisse.

Am Sonnabend bringt dann das Tandera Theater aus Testorf sein Stück „1944 — Es war einmal ein Drache“ auf die Bühne. Die hinter dem Stück stehende Geschichte ist wirklich geschehen: Im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück waren im Dezember 1944 mehr als 10000 Frauen und 400 Kinder interniert. Für diese Kinder bereiten die Frauen von Ravensbrück ein Weihnachtsfest vor.

Das Festival

Die Veranstaltungen im Figurentheater Lübeck:

Heute um 16 Uhr zeigen Schülerinnen und Schüler der Thomas-Mann-Schule fünf kurze Stücke zum Thema „Puppenspiel als Form des Widerstands“ (Eintritt 5 Euro, Lehrer haben freien Eintritt).

Morgen um 19.30 beginnt die szenische Lesung „Figurentheater und NS-Zeit“, anschließend folgt das Stück „Herrmann geht nach Engelland“.

Am Sonnabend folgt um 19.30 Uhr das Stück „1944 — Es war einmal ein Drache“.

Von Jürgen Feldhoff

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