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Alte Songs und Hüftkreisen gegen die Terror-Angst

Hamburg Alte Songs und Hüftkreisen gegen die Terror-Angst

Simply Red im Hamburger Stadtpark – Mick Hucknall hat sein Publikum fest im Griff.

Hamburg. „Es ist wichtig, dass wir hier bleiben und die Sachen unterstützen, die wir lieben!“, sagt Mick Hucknall von der Gruppe Simply Red zur Begrüßung der 4000 Gäste im ausverkauften Hamburger Stadtpark. „Ich freue mich auch deshalb, dass ihr da seid, weil es zeigt, dass wir uns unseren Lebensstil nicht kaputt machen lassen“, sagt er in Anspielung auf die jüngsten Terroranschläge.

 

LN-Bild

Ein kleines Wunder an Beweglichkeit: Mick Hucknall (56) tanzt ausgelassen beim Simply Red-Konzert auf der Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark.

Quelle: Isabel Schiffler

Auf den beiden Abschiedstourneen seiner Gruppe Simply Red 2009 und 2010 hatte Hucknall noch verkündet: „25 Jahre sind genug, es ist vorbei.“ Doch nur vier Jahre nach der Bandauflösung wurde ein neues Album namens „Big Love“ herausgebracht und eine Jubiläumstour angekündigt. Hucknall dreht im zweiten Popfrühling nochmal richtig auf. Da die Hallentour zum Comeback mit über 100000 Besuchern bestens lief, hängte der quirlige Rotschopf gleich noch einmal acht Open-Air-Konzerte dran. Dass Simply Red ohnehin immer mehr oder weniger Hucknalls Soloprojekt mit wechselnden Musikern war – geschenkt. Nur Saxofonist Ian Kirkham ist bereits seit 1986 dabei.

Schon bei „Look at you now“ und „Come to my aid“ aus dem Debütalbum „Picture Book“ hat der 56-Jährige das Hamburger Publikum im Griff. Da führen Studienräte bizarre Kreisbewegungen mit den Armen aus, jauchzen Damencliquen im Proseccorausch, wippt auch der von den Eltern mitgeschleppte Youngster mit. Soviel Euphorie verwundert angesichts der immer noch unvergleichlichen Stimme des Soulkönigs aus Manchester und der Songauswahl keineswegs. Wer befürchtet, Hucknall würde das Publikum mit den überzuckerten Songs des einhellig von Kritikern verrissenen Comebackalbums traktieren, wird eines Besseren belehrt. Mit „Shine On“ gibt es gerade einmal einen Titel aus „Big Love“ – bei satten 17 Hitsingles aus drei Jahrzehnten. Die Melange aus Soul, Blues, angejazztem Pop und einer Prise Reggae klingt immer noch bemerkenswert frisch. Dazu die Stimme des Maestros: kein bisschen abgenutzt. Hucknall phrasiert wie ein Gott, röhrt und greint. Zur Gaudi der Fans wird zwischendurch der brummende Bass seines Idols Barry White imitiert und die von einer Damenstimme gehauchte Zeile „I really love you“ von „Something got me started“ parodiert.

Immer wieder geht der 56-Jährige auf Tuchfühlung, winkt in die Menge und weist die Security an, die Fans nicht am Filmen zu hindern. „Macht was ihr wollt, solange ihr kein dickes Tablet hochhaltet oder einen Regenschirm“ frotzelt der Brite, dessen gestrafft fülliges Gesicht bereits Spekulationen über mögliche Schönheits-OPs entfachte. Vom sinnlichen „It’s only love“ über die einst Steffi Graf gewidmete Ballade „For your Babies“ bis zum euphorisch beklatschten „Stars“ feuern Hucknall und seine sechs Mitstreiter ein wahres Hitfeuerwerk ab.

Zum relaxten Reggae von „Night Nurse“ erinnert sich der Brite an die Zusammenarbeit mit Sly ’n Robbie in einem „mit merkwürdig grünem Rauch“ verqualmten Studio, nach dessen Inhalieren er sich plötzlich „merkwürdig gut“ gefühlt habe. „Holding back the years“, diesen elegischen Rückschau-Song, den man eigentlich eher einem 80-Jährigen zugetraut hätte, habe er bereits im zarten Alter von 16 Jahren im heimischen Elternhaus geschrieben. Zum stampfenden Samba von „Fairground“ wiegt sich der bekennende Anhänger der Labour Party gar in den Hüften und ergeht sich in ungezügelten „Oompah“-Ausrufen. Mit dem unverzichtbaren Harold Melvin-Cover „If you don’t know me by now“ geht die gelungene Retroshow nach zwei Stunden zu Ende.

Konzerte im Hamburger Stadtpark

Seit 1914 gibt es Konzerte unter freiem Himmel im Hamburger Stadtpark. Auf den aktuellen Stadtpark-Konzerten präsentieren nationale und internationale Top-Künstler Rock, Pop und Jazz der Spitzenklasse. Die Stadtpark-Freilichtbühne bietet rund 4000 Zuschauern Platz.

In diesem Jahr gibt es unter anderem noch Konzerte von:

The Bosshoss (30.7.),

Damien Rice (8.8.),

Matthias Reim (13.8.),

Zaz (16.8.),

Helge Schneider (19. und 20.8.),

Pur (21.8),

Johannes Oerding (26. und 27.8.),

Deine Freunde (28.8.),

Bodo Wartke (2.9.),

Dieter Thomas Kuhn (9. und 10.9.),

Mark Forster (16.9.),

Lotto King Karl (17.9.).

Alexander Bösch

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