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Anatomie eines gewalttätigen Landes

Lübeck Anatomie eines gewalttätigen Landes

Cormac McCarthys erster Roman aus dem Jahr 1965 ist endlich in deutscher Übersetzung erschienen.

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Cormac McCarthy wird als Nobelpreis-Kandidat gehandelt.

Lübeck. Es ist ein Debütroman, der es in sich hatte. „Der Feldhüter“, im Original „The Orchard Keeper“, erschien 1965, der Autor Cormac McCarthy war damals 32 Jahre alt und lebte von Stipendien. Als er seinen ersten Roman dem Verlag Random House anbot, geriet er an den Lektor, der zuvor den Nobelpreisträger William Faulkner betreut hatte. Eine glückliche Fügung.

Denn Cormac McCarthy ist ein Autor, der die literarische Tradition Faulkners weiterführt. Die Südstaaten der USA sind Schauplatz von McCarthys Romanen, allerdings sind die Orte real und nicht wie bei Faulkner ein Produkt der Fantasie. McCarthy untersucht schon in seinem ersten Roman die Tradition des Südens der USA, die nicht zuletzt auf Gewalt aufgebaut ist. Gewalt, Einsamkeit, die immer etwas verwaschen wirkende Atmosphäre der Schauplätze: Cormac McCarthy hat seine Themen schon früh gefunden.

In Deutschland wurde er bekannt durch Romane wie „No Country for Old Men“, kongenial verfilmt durch die Coen-Brüder, oder „Blood Meridian“, eine einzige und beispiellose Gewaltorgie in Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts. McCarthy ist ein gnadenloser Schilderer von Gewalt, es gelingt ihm dennoch, Abstand zu dem zu halten, was er beschreibt. Das erinnert zuweilen an die Eiseskälte der Kriegstagebücher von Ernst Jünger, deren stilistisch mit äußerster Präzision geschärfter Blick auf Tod und Leiden abstößt und fasziniert zugleich. Diese Schilderungen des Lebens zum Tode erinnern aber auch immer wieder an William Faulkners große Romane. McCarthy benutzt Stilmittel wie den Bewusstseinsstrom zwar weitaus seltener als Faulkner, sprachlich stehen sich die beiden Autoren dennoch nahe. Viele ihrer Personen sind wortkarg, die Sprache ist dementsprechend lakonisch. Aber treffend.

So auch in „Der Feldhüter“. Die in Tennessee spielende Geschichte ist ebenso einfach gestrickt wie die Protagonisten. Der Alkoholschmuggler Marion Sylder tötet in Notwehr (und auf vier Druckseiten) den Vater des jungen John Rattner, die Leiche wirft er in eine Grube auf dem Grundstück des über zwei Drittel des Buches anonymen Feldhüters. Später rettet John Rattner dem Mörder seines Vaters das Leben — ohne zu wissen, mit wem er es zu tun hat. Der alte Feldhüter legt sich mit der Staatsgewalt an, schießt auf Polizisten und landet in einer psychiatrischen Klinik. Sylder wird bei einer seiner Schmuggelfahrten erwischt und muss für Jahre ins Gefängnis. Und als Jahre nach Abschluss dieser eigentlichen Romanhandlung John Rattner wieder in seinen Heimatort zurückkehrt, ist dieser unbewohnt.

Das ist die Vergänglichkeit des Südens, der seit dem verlorenen Bürgerkrieg nach seiner Bestimmung sucht, in den alten Gewalt- und Großmachtfantasien schwelgt und dabei nicht bemerkt, dass sich die Welt längst weitergedreht und den Süden links liegengelassen hat.

Die lakonische Poesie, die zum Beispiel den Landschaftsbeschreibungen Cormac McCarthys innewohnt, erinnert an epische Westernfilme, in denen sich die Zeit wie ein langsamer, dunkler Fluss bewegt.

Archaisch ist dieser Roman in manchen Passagen, er bricht seine Personen gelegentlich sogar unter menschliches Niveau hinunter. Der erste Roman von Cormac McCarthy — und doch steckt bereits der ganze McCarthy drin.

„Der Feldhüter“ von Cormac McCarthy, rororo, 288 Seiten, 14,99 Euro.

Chronist des amerikanischen Südens
Cormac McCarthy wurde 1933 in Providence, Rhode Island, geboren und wuchs in Knoxville, Tennessee, auf. Er studierte Kunst, diente vier Jahre in der Air Force und begann Ende der 1950er Jahre mit dem Schreiben von Kurzgeschichten. Erfolg hatte Cormac McCarthy vor allem mit seinen Romanen, von denen einige verfilmt wurden. 1992 erhielt er den National Book Award für den Roman „All die schönen Pferde“. McCarthy lebt zurzeit in der Gegend von Tesuque, New Mexiko, nördlich von Santa Fe mit seiner dritten Frau Jennifer Winkley und seinem Sohn. Er arbeitet an einem Roman, der in New Orleans spielen soll.

Jürgen Feldhoff

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