Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Andere Länder, andere Krippen

Lübeck Andere Länder, andere Krippen

Erstmals zeigt das St. Annen-Museum eine Ausstellung zu Weihnachten: Es geht um Bräuche in aller Welt.

Voriger Artikel
Ein heiterer „Rigoletto“
Nächster Artikel
Märchen und Lieder von persönlichen Wandlungen

Shipibo-Krippe aus Peru: Jesus, Maria und Josef auf einem Floß mit Affe, Gürteltier und Schildkröte (2000, Sammlung Hilke Ehlers, Bordesholm).

Lübeck. Der rot gekleidete Weihnachtsmann ist eindeutig der Superstar unter den jahresendzeitlichen Gabenbringern und international bestens im Geschäft. Völlig konkurrenzlos ist er aber nicht: Auch das Christkind, der Heilige Nikolaus, Väterchen Frost, die italienische Dreikönigshexe Befana und andere „Geschenkboten“ haben im Dezember oder Januar Hochkonjunktur. Gabenbringer, Krippenfiguren und andere, teils kuriose Weihnachts- und Festtagsphänomene aus aller Welt sind ab morgen in einer sehenswerten kulturgeschichtlichen Ausstellung im St. Annen-Museum zu sehen, die mit dem Zebra ein hierzulande nicht eben weihnachtstypisches Maskottchen hat.

„Was macht das Zebra an der Krippe?“ lautet der Titel. Die Antwort ist bald gefunden und lässt sich mit „andere Länder, andere Krippen“ beschreiben: Wo bei uns traditionell Ochs und Esel als Figuren im Krippenstall neben der Heiligen Familie stehen, darf es in Südafrika gern auch mal ein Zebra sein. Bei den Shipibo-Indianern aus dem Amazonas-Tiefland in Peru drängen sich dafür Urwaldtiere wie Affe, Gürteltier und Schildkröte mit Jesus, Maria und Josef auf einem Floß zusammen. Nur zwei Beispiele aus der beeindruckenden Vielfalt von insgesamt rund 500 Exponaten, die Kuratorin Brigitte Templin in den zwei Sonderausstellungsräumen versammelt hat.

Ein Teil der gezeigten Stücke stammt aus der von Templin verwalteten Lübecker Völkerkundesammlung, einige aus Museen wie dem Norddeutschen Krippenmuseum im mecklenburgischen Güstrow oder dem für Europäische Kulturen in Berlin. Überwiegend handelt es sich jedoch um Leihgaben aus Privatsammlungen.

Die 50 gezeigten Krippen kommen aus 30 Ländern auf fünf Kontinenten, sagt die Kuratorin. Dass sich in den einzelnen Ländern und Regionen eigenständige Krippentypen ausbilden, sei dabei eine noch relativ junge Entwicklung: „Krippen, die durch den europäischen Kolonialismus und die christlichen Missionare nach Amerika, Afrika und Ostasien gelangten, wurden Jahrhunderte lang nicht dort hergestellt, sondern aus Europa importiert.“ Das habe sich oft erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geändert.

Eine der auffälligsten Krippen der Ausstellung kommt aus dem polnischen Krakau, ist aus buntem Metallpapier gefertigt und bildet die Türme der Krakauer Marienkirche nach. Dass dieser Typus ausgerechnet „Szopka“, zu deutsch Schuppen, genannt wird, lässt sich angesichts dieses Prachtbaus nicht nachvollziehen. Polnische Volksfrömmigkeit hier, deutsche Sozialkritik da: In der gleichen Vitrine findet sich auch ein Punkerpärchen mit Hund im Gefolge einer Multikulti-Heiligenfamilie.

Schon die Krippen allein zeigen eine großartige Bandbreite, doch die Ausstellung geht thematisch glücklicherweise noch weit darüber hinaus. Neben anderen Personifizierungen des Weihnachtsbrauchtums, die nicht immer religiösen Ursprungs sind — „Väterchen Frost“ etwa wurde nach der Oktoberrevolution in der Sowjetunion propagiert —, werden die Besucher auch mit dem jüdischen Lichterfest Chanukka und dem in den USA seit den 1960er Jahren verbreiteten Kwanzaa-Fest bekannt gemacht. Sie fallen, wie auch der moslemische Fastenmonat Ramadan, oft in den gleichen Zeitraum wie Weihnachten. „Das hat dazu geführt, dass sich diese Feste gegenseitig stark beeinflusst haben“, so die Kuratorin. In den USA gibt es den Begriff „Dezember-Dilemma“ — die Feste treten quasi gegeneinander an. Eine schlaue Lösung findet da die Werbung eines Mobilfunkunternehmens: „Happy Chrismahanukwanzaa!“

Museumsquartier St. Annen, St. Annen-Straße 15, Lübeck. Eröffnung: morgen, 11.30 Uhr. Die Ausstellung ist bis 2. Februar 2014 zu sehen.

Multikulturelles Fest
Unser Weihnachtsbrauchtum hat sich laut Kuratorin Brigitte Templin aus altrömischen, ägyptischen, syrischen persischen, jüdischen, slawischen und germanischen Wurzeln entwickelt und über große Teile der Welt verbreitet. In Deutschland wurde die auf den 25. Dezember datierte Geburt Jesu erst im Jahr 813 zum kirchlichen Feiertag erklärt. Die Bezeichnung „Weihnachten“ ist erstmals im 12. Jahrhundert verbrieft: „Ze wihen nahten“ (zu den geweihten Nächten) bezeichnete die Opferzeit der germanischen Mittwinternächte. Der europäische Kolonialismus und die christliche Mission, vor allem die der Jesuiten, verbreiteten ab dem 16. Jahrhundert Weihnachtskrippen weltweit.

Sabine Spatzek

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden