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Andrea Paluch macht alleine weiter

Flensburg Andrea Paluch macht alleine weiter

Sie hat lange mit ihrem Mann Robert Habeck Bücher geschrieben — Den Co-Autor verlor sie an die Politik.

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Ein seltenes Bild: Robert Habeck und Andrea Paluch bei einem offiziellen Termin (hier der Lübecker Presseball 2010).

Quelle: Tim Jelonnek

Flensburg. Flensburg. „Wen gehört das?“ Ja, wen gehört das, das ist mal eine schöne Frage. Genau wie: „Bringst du das mal im Auto?“ Andrea Paluch hat einige solcher Sätze notiert. Sie sind ihr in der leicht abschüssigen Normallage begegnet, die wir Alltag zu nennen uns angewöhnt haben. Einmal hat sie dabei auch sich selbst zugehört. Bei Bernies Bräter war das, dem Hähnchenwagen.

„Einmal zwei halbe Hahn“, hat sie da gesagt, und das war mal eine großartige Bestellung.

Der Wagen stand in einem kleinen Ort westlich von Flensburg, und nachlesen kann man das alles in einem Buch über ihre Zeit dort. „Wundervolles Dorfleben“ heißt es, es ist ihr drittes, jedenfalls das dritte, das sie alleine geschrieben hat. Die davor hat sie mit ihrem Mann verfasst. Aber der ist ihr als Co-Autor abhanden gekommen. Er hat nun andere Dinge zu tun. Er ist Superminister und stellvertretender Ministerpräsident in Kiel. Er ist auf dem Sprung nach Berlin und überhaupt derzeit eine der interessantesten Figuren in der deutschen Politik. Robert Habeck und Andrea Paluch, das war mal ein erfolgreiches Autorenduo, jetzt macht sie alleine weiter. Aber das, sagt sie, ist auch ganz in Ordnung so.

Kennengelernt haben sie sich beim Theaterspielen an der Universität in Freiburg. Sie haben beide promoviert, und als sich Andrea Paluch ein wenig um den britischen Dichter Roger McGough kümmern sollte, übersetzten sie dessen Lyrik ins Deutsche und machten ein Buch daraus. Das fand Gefallen, sie bekamen Angebote für weitere Übersetzungen, und irgendwann schälte sich aus dem Ungefähren der Gedanke eines gemeinsamen Schriftstellerlebens. So fing das an.

Sie schrieben eine Reihe von Büchern, für Kinder und Jugendliche, Hörspiele, ein Theaterstück. Sie heirateten, bekamen vier Söhne und zogen der Kinder wegen hoch in den Norden aufs Land. Sie erhielten Lob und Auszeichnungen, fanden einen Rhythmus, und irgendwann war Robert Habeck der Meinung, bei ihrem Dorf sollte ein Radweg gebaut werden. Weil das aber nicht von alleine ging, stieg er in die lokale Politik ein, übernahm bald den Grünen-Kreisverband und will nun Spitzenkandidat seiner Partei für die Bundestagswahl 2017 werden.

Nein, sagt seine Frau, sie beneide ihn nicht. Die Politik mit all ihren Untiefen, das sei nicht ihre Welt. Ihr Mann aber sei dort prima aufgehoben. „Er kann das gut, und er tut es gerne. Und dann muss man das auch machen. Dann hat man ein bisschen eine Pflicht, das zu tun. Wir haben ihn alle mehr als nur unterstützt.“ Sie hätten zehn Jahre auf dem Dorf intensiv zusammengelebt, die Speicher seien voll. Und es sei „total okay, dass das jetzt auseinanderläuft und jeder ein bisschen für sich rummuckelt“.

So geht also ihr Mann nun früh aus dem Haus, kommt abends spät oder auch gar nicht wieder und macht sich in der Zwischenzeit daran, Schleswig-Holstein und die Republik mit einem visionären Pragmatismus ein wenig aus den Angeln zu heben. Und sie sitzt daheim in Flensburg mit dem jüngsten Sohn und kann ihren eigenen Geschäften nachgehen.

Das ist neben der Rolle als Mutter vor allem das Schreiben, nur eben jetzt allein. Als sie es noch gemeinsam taten und mit Lyrik-Übersetzungen begannen, war das eine im Grunde grüne, jedenfalls basisdemokratische Angelegenheit. Sie schrieben jeder für sich eine Rohfassung und machten dann daraus im Gespräch ein gemeinsames Werk. Sie stritten und rangen um einzelne Worte, lange und hart. Man brauchte gute Argumente. Aber so formte sich eine Art des Arbeitens und ein bestimmter Sound, den Andrea Paluch nicht die Summe ihrer beiden Bemühungen nennt, sondern deren Potenz.

Sie schreibt jetzt meist vormittags, wenn ihr Sohn in der Schule ist. Und sie hat zurückgefunden zu ihrem persönlichen Stil. Ihr erstes Solobuch war eine Sammlung von Zeitungskolumnen, das zweite spielte mit ihrer Situation nach dem Gang ihres Mannes in die Politik. Und nach dem „Wundervollen Dorfleben“ hat sie mit einem Roman jetzt ihr viertes Buch in Arbeit.

Sie hat in einer Rockband gesungen, aber die liegt derzeit auf sehr kaltem Eis. Statt dessen gräbt sie sich in zeitgenössische Musik für ihre Querflöte hinein. Sperriges Zeug sei das, sagt sie.

Schwer zu mögen, aber vom Kopf her gut zu verstehen und daher sehr reizvoll. Auch die Arbeit als Journalistin ruht. Aber sie arbeitet seit etwa einem Jahr als Legasthenie-Beraterin und hat an der Universität Flensburg Seminare angeboten. Und einmal im Monat wird der Esstisch beiseite geräumt, und dann gibt es private Konzerte für Freunde und deren Freunde bei Paluchs und Habecks daheim.

Und wenn ihr Mann nächstes Jahr nach Berlin geht? Dann werde sie sicher auch mal dort sein, sagt sie. Flensburg aber bleibe vorerst ihr Zuhause, solange die Kinder in der Schule sind. Und für ihren Mann wäre es auch ganz gut, einen Ort zu haben jenseits von Berlin. Einen mit einer leicht abschüssigen Normallage, die wir Alltag zu nennen uns angewöhnt haben.

Wundervolles Dorfleben

Andrea Paluch (45) ist in Garbsen bei Hannover aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft, Linguistik und Anglistik studiert und mit einer Arbeit über zeitgenössische britische Lyrik promoviert. 1996 hat sie Robert Habeck geheiratet, heute Grünen-Minister in Kiel für Umwelt, Energiewende, Landwirtschaft und Ländliche Räume.

Das Paar hat vier Söhne (13 bis 19 Jahre) und lebt in Flensburg. Zuletzt ist von Andrea Paluch „Wundervolles Dorfleben“ erschienen (Boyens Verlag, 168 Seiten, 14,95 Euro).

Peter Intelmann

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