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„Anfangs dachte ich, das schafft kein Mensch“

Lübeck „Anfangs dachte ich, das schafft kein Mensch“

Klarinettistin Sabine Meyer führt gemeinsam mit den NDR-Sinfonikern ein Konzert auf, das für sie geschrieben wurde — Sie konnte sich sogar den Komponisten aussuchen.

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Sabine Meyer (56) war 1983 eine der ersten Frauen bei den Berliner Philharmonikern. Längst ist sie als Solistin in aller Welt gefragt.

Quelle: Christian Ruvolo

Lübeck. Sabine Meyer beugt sich über eine Partitur, die große Teile ihres Wohnzimmertischs einnimmt. Man sieht auf dem Papier ein Ameisen-Schlachtfeld. Ein Liniensystem bezeichnet ihren Part in dem unübersichtlichen Getümmel. Merkwürdige Zeichen sind da zu sehen, Wellenlinien, Griffangaben für ihr Instrument, die Klarinette.

Auch für kundige Laien sind das Hieroglyphen. Für Sabine Meyer steckt darin eine sehr persönliche Herausforderung: Das Konzert für Orchester und Klarinette ist ihr gewidmet, sie durfte den Komponisten bestimmen, bei dem es in Auftrag gegeben werden sollte. Bestellt haben es das Schweizer Lucerne Festival und der Norddeutsche Rundfunk, die so die bedeutendste Klarinettistin der Gegenwart auszeichneten. Meyer wählte den Ungarn Márton Illés (40), der in Karlsruhe lehrt und 2008 den Hindemith-Preis des Schleswig- Holstein Musik Festivals erhielt.

In Luzern hat sie das dreisätzige „Re-akvarell“ gemeinsam mit dem SWR-Sinfonieorchester im vergangenen Jahr uraufgeführt, jetzt steht die deutsche Erstaufführung mit dem NDR-Sinfonieorchester auf dem Programm. Zwei mal Hamburg und ein Mal Lübeck sind die Stationen.

Keine extremen Experimente, keine Schnulzen

„Es gibt Komponisten die verrückte Sachen schreiben, die sehr experimentell und waghalsig sind“, sagt Sabine Meyer, „doch das ist für absolute Experten — und solch einer bin ich nicht.“ Sie wolle ein Musikmaterial vorfinden, das nachvollziehbar ist, aber keine neoromantischen Effekte-Schnulzen. „Illés hatte zuvor schon einiges für Klarinette geschrieben, was mich begeistert hat“, sagt Sabine Meyer zu ihrer Komponisten- Wahl. Der Ungar sei „ein sehr, sehr ernsthafter Musiker, bei dem jeder Ton seine Bedeutung hat.“ Er habe überglücklich angenommen und sich sofort an die Arbeit gemacht.

Márton Illés besorgte sich zunächst eine Klarinette, um die Spieltechnik zu studieren. „Er kam damit bei mir an, probierte auf dem Instrument herum, um zu erfahren, welche Klänge möglich sind.“

Sabine Meyer spielte ihm auch einiges vor, Illés nahm die Schnipsel auf und nahm sie mit nach Hause. „Er wollte sein Konzert eben nicht gegen, sondern für das Instrument schreiben.“

Doch die Solistin schränkt ein: „Es wurde ein wahnsinnig schwer zu spielendes Stück Musik. Anfangs dachte ich: Das schafft kein Mensch.“ Monatelang übte sie die Kaskaden, Vierteltonschritte und Spaltklänge, bei denen mehr als ein Ton gleichzeitig erzeugt wird, die Illés von ihr verlangt. „Nach einiger Zeit lichtet sich der Nebel — und man hat das Ganze drauf.“

„Ich konnte im Gespräch mit dem Komponisten auch einige Stellen entschärfen, die auf der Klarinette einfach zu abenteuerlich oder nicht zu machen sind.“ Márton Illés hat nun geradezu eine Klarinetten-Obsession. Neben dem Solopart gibt es noch sechs Klarinettenstimmen im Orchester.

„Unglaublich schöne Klänge“

Und wie klingt das alles, kann man damit kleine Kinder erschrecken oder kann man sich in dem Stück auch wohlfühlen? Da ist Sabine Meyer ganz entschiedener Ansicht: „Es gibt in dem Konzert unglaublich schöne Klänge. Alle, die es unvoreingenommen anhören, werden begeistert und beeindruckt sein. Es ist kein absolutes Solo-Konzert. Viele Töne kommen wie aus dem Nichts heraus, sie werden von den Klarinetten übernommen, man weiß gar nicht, ist es das Soloinstrument oder sind das die Orchesterstimmen?“ Begeistert beschreibt sie: „Manchmal geht ein Rauschen durchs ganze Orchester, dass es einen aus dem Sessel reißt — von den Geigen bis hinunter zu den Kontrabässen.“ Der letzte Satz sei eine Art Trauermarsch, der von der Tradition ungarischer Tanzbälle inspiriert sei. „Márton Illés hat dazu geschrieben, am Ende solcher Bälle sei in früheren Zeiten solch eine Trauermusik gespielt worden, wenn die meisten Tänzer erschöpft über dem Tisch lagen.“

Mit Juraj Valcuha, dem Chef des Mailänder RAI-Orchesters, der in der kommenden Woche die NDR-Sinfoniker leitet, hat sie noch nicht konzertiert. „Ich hoffe, er ist gut strukturiert und orientiert im musikalischen Geschehen, damit die Orchestermusiker wissen, wo‘s lang geht.“

Tourneen in alle Welt,

Heimat in Lübeck

Sabine Meyer jedenfalls weiß, wo‘s lang geht, man darf sie mit Recht als Weltstar bezeichnen. In ihrem Winkel in der Lübecker Altstadt hat sie sich mit ihrem Mann Reiner Wehle, der aus Kiel stammt und ebenfalls Klarinettist ist, und den gemeinsamen Kindern eingerichtet — in einem Dielenhaus, das trotz aller Modernisierung jahrhundertalte Tradition atmet. Die Musikhochschule, an der das Ehepaar lehrt, ist gleich nebenan, und auch dort haben Meyer und Wehle Familie — die Studenten, deren Karrieren sie noch verfolgen, wenn sie längst in alle Winde zerstreut sind.

In den Semesterferien ist Zeit für die großen Tourneen, doch auch jetzt, im Februar, gastiert Sabine Meyer in Metz, Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam und Vaduz mit Kammermusik oder Orchestern. „Der Unterricht an der Hochschule darf darunter nicht leiden“, sagt sie entschieden. Ganz nebenbei: Alle Abwerbungsversuche namhafter Akademien haben sie und ihr Mann zuletzt abgelehnt. Sie bleiben Lübecker.

Weltstar der Klarinette im Lübecker Konzert
Sabine Meyer wurde 1959 in Crailsheim geboren, sie ist eine international renommierte Klarinettistin und wird als „Primadonna assoluta“ ihres Instruments bezeichnet. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Reiner Wehle hat sie eine Professor an der Musikhochschule Lübeck inne. Die beiden veranstalten in jedem Frühjahr an der Hochschule die „Lübecker Klarinettennacht“, ein Höhepunkt des Konzertlebens der Stadt.
Das Konzert des NDR Sinfonieorchesters mit Sabine Meyer findet am Freitag, 22. Januar, um 19.30 Uhr in der Lübecker Musik- und Kongresshalle statt. Es dirigiert der Slowake Juraj Valcuha (*1976). Neben dem Klarinettenkonzert von Márton Illés stehen auf dem Programm: die Tanz-Suite von Béla Bartók (1881-1945), das Concert Românesc von György Ligeti (1923-2006) und die Sinfonietta op. 60 von Leoš Janácek (1854-1928).

Michael Berger

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