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Angetrieben vom Vergnügen

Berlin Angetrieben vom Vergnügen

Künstler aus dem Norden mischen die Berliner Szene auf: Stipendiaten der Kulturstiftung aus Schleswig-Holstein gaben ihre Visitenkarte in der Hauptstadt ab.

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Paulina (Geige) und Agata Pospieszny (Harfe) – zwei Vorzeige-Stipendiatinnen aus Lübeck.

Berlin. Nicht die schicke, moderne Landesvertretung von Schleswig- Holstein mit den spiegelglatten Böden und dem vielen Glas, sondern die verrußte Halle der Kunstfabrik in der Nähe der ehemaligen Mauer zwischen Berlin-Friedrichshain und Kreuzberg war das richtige Ambiente. Früher befand sich hier ein Instandsetzungswerk für Omnibusse aus Ost-Berlin. Unter den riesigen Stahlträgern sah alles so aus, als seien die Arbeiter gerade in den Feierabend gegangen.

Gut ein halbes Dutzend Künstler, allesamt ehemalige Stipendiaten der Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein, mischten hier einen Abend lang die Berliner Kulturszene auf. Mit zeitgenössischer und klassischer Musik, Lesungen, Theater oder Comic-Zeichnungen hatte der Kurator der „Regionale III“, Sönke Kniphals, eine bunte Mischung des jungen Kunstbetriebes aus dem Norden an die Spree geholt. Das neudeutsche Motto des Abends in Sichtweite des letzten ehemaligen DDR-Grenzturmes am Schlesischen Busch lautete „Driven by Pleasure“.

Angetrieben von Vergnügen, Begeisterung und Freude waren ganz sicher die beiden jungen Lübecker Musikerinnen Paulina und Agata Pospieszny. Das Schwestern-Duo überzeugte mit einer Suite für Violine und Harfe des ungarisch-britischen Komponisten Thomas Rajna. Ein Reisestipendium der Stiftung ermöglichte den beiden vor zwei Jahren die Fahrt ins ferne australische Sydney. Sie wandelten dort auf den Spuren der musikalischen Schwestern Marianne und Clara Eissler, die vor über hundert Jahren auf den Konzertbühnen der Welt gefeiert wurden, ebenfalls mit Violine und Harfe. Die beiden in Poznan geborenen Künstlerinnen mit der Wahlheimat Lübeck sind in der ganzen Welt unterwegs. Weil der Musikrat 2016 zum „Jahr der Harfe“ ausgerufen hat, hoffen sie zudem auf einen Popularitätsschub für das selten gespielte Instrument.

Gewöhnungsbedürftig, aber dennoch oder gerade deshalb mit viel Beifall bedacht, wurde eine Komposition von Ansgar Beste, Stipendiat des Vorjahres aus Malmö, für eine viereckige überdimensionale Bass-Blockflöte. Das mannshohe Eigenbau-Instrument ist irgendwo zwischen Orgel und Lockpfeife aus der Entenjagd angesiedelt. Die Klänge, die Miako Kleim dem seltsamen Instrument entlockte, waren einprägsam und rhythmisch.

Der für Kultur zuständige Kieler Staatssekretär Eberhard Schmidt- Elsäßer, einer der wenigen Krawattenträger des Abends, lobte den Schritt der Künstlern in die Hauptstadt: „Berlin ist eine Regionale wert.“ Weil die Stiftung wegen der mickrigen Zinsen derzeit Probleme hat, Geld für die Stipendiaten aufzutreiben, lobte er das Engagement der Investitionsbank Schleswig-Holstein, die künftig 12000 Euro beisteuern wird. Das sind immerhin zwei Arbeitsstipendien.

Eines der Stipendien der Kulturstiftung – 5000 Euro für drei Monate – hatte der in Rendsburg geborene Autor Helge Brumme, nach strenger Auswahl durch eine Jury, ergattern können. In Berlin las er aus seinem Romandebüt „Der Assistent“. Es geht um die Beziehung zwischen einem Rollstuhlfahrer und seinem jungen, völlig unerfahrenen Pfleger, beide werden dennoch irgendwann ziemlich beste Freunde. Aus dem gleichen Genre kommt Tobias Sommer aus Bad Segeberg. Er las aus seinem Roman „Fährmann“. Als Finanzbeamter hat er das Glück, nicht vom Schreiben leben zu müssen. Andere Künstler haben diese Sicherheit nicht. Gregor Hinz, 1982 in Rostock geboren, überraschte mit seiner „Comic-Lesung“. Eine Literaturform, die sich immer mehr zu einer eigenen Kunstgattung mausert. „Langweile war mein Motor“, sagte er augenzwinkernd.

Stipendien der Kulturstiftung des Landes

Seit dem Jahr 2009 vergibt die Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein jährlich etwa sechs Stipendien an überwiegend junge Künstlerinnen und Künstler der Sparten Literatur, Musik, Theater und Bildende Kunst. So werden etwa dreimonatige Arbeitsstipendien für einen von den Künstlern frei gewählten Ort vergeben. Maßgeblich für die Vergabe sind die Qualität des bisherigen Wirkens sowie das beabsichtigte Projekt, das entstehen soll.

Eine Jury wählt unter den Bewerbern und Bewerberinnen aus. Rund 60 Künstlerinnen und Künstler aus Schleswig-Holstein, aber auch aus dem Ausland, sind inzwischen in den Genuss eines Stiftungs-Stipendiums gekommen. Ihr Wohnsitz und ihr Arbeitsschwerpunkt müssen in Schleswig-Holstein liegen. Die Stipendien werden jährlich vergeben. Ein Arbeitsstipendium wird mit maximal 6000 Euro gefördert. Das Stipendium wird in monatlichen Raten ausgezahlt. Die künstlerischen Ergebnisse werden alle zwei Jahre in einer „Regionale“ präsentiert.

Schauplatz der „Regionale“ I und II war die Overbeck-Gesellschaft in Lübeck.

Reinhard Zweigler

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