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Kultur im Norden Annäherung an einen Unnahbaren
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21:18 12.09.2013
Beobachtungen eines Fotografen: Konrad Rufus Müller (l., 74) hat Willy Brandt in ernsten und in sich gekehrten Momenten, aber auch in heiteren und gelösten porträtiert — nie jedoch im Blitzlichtgewitter. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler (2)

In dieser Ausstellung geht es nicht um das staatsmännische Handeln Willy Brandts. Vielmehr will Konrad Rufus Müller den Menschen Willy Brandt zeigen — und die „Einsamkeit des Mächtigen“. Über 20 Jahre lang, von 1969 bis 1991, hat er den SPD-Politiker, Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger begleitet. Auf Wanderungen, in den Ferien in Norwegen, auf Parteitagen. Nicht aber auf Staatsbesuchen oder anderen offiziellen Anlässen. „Er war ein Mensch, dessen Gesicht ein offenes Buch war“, sagt Müller, „und völlig uneitel.“

Wer die Ausstellung sehen will, muss sich im Erdgeschoss bis in die hinteren Räume vorarbeiten. Hier hängen die Schwarzweiß-Porträts. Sie zeigen vor allem einen ernsten Willy Brandt. Mal mit Zigarette, mal mit Pfeife. Mal von hinten. Mal kaum zu erkennen hinter einer regennassen Scheibe. Mehrere Bilder sind seinem Freund, dem früheren österreichischen Kanzler Bruno Kreisky, gewidmet.

Außerdem werden einige Naturaufnahmen präsentiert. Wann und wo die Bilder entstanden sind, erfahren Besucher der Ausstellung nicht. Auch nicht, was es mit den Landschaftsbildern auf sich hat. Das bleibt der Phantasie der Betrachter überlassen „Sie müssen sich selbst damit auseinandersetzen“, sagt der Fotograf.

Zu lesen gibt es dennoch einiges: Äußerungen Brandts und Würdigungen Brandts. „. . . Er macht es möglich, dass man wieder an ein Deutschland glaubt, das ebenso wahr ist wie das des Geschreis und der Fackeln, das Land der Dichter und Denker, die ,ferne Geliebte‘, um die Heine im Exil weinte, das schwermütige Vaterland Hölderlins“, schrieb die französische Tageszeitung „Le Monde“ in ihrer Ausgabe vom 22. Oktober 1971, also zu Beginn des dritten Jahres seiner Kanzlerschaft.

Müller beschreibt Brandt als äußerst distanzierten Menschen. Es sei schwierig gewesen, Nähe zu ihm herzustellen, sagt er. „Von einer Sekunde auf die andere ist er explodiert. Nach fünf Minuten war er dann wieder weg“, in sich versunken. Einmal habe er ihn in seinem Büro besuchen dürfen und versucht, ein Gespräch zu beginnen. Aber das sei nicht möglich gewesen. Müller gibt seltsame Töne von sich, etwas zwischen Brummen oder Grummeln, um zu demonstrieren, wie Brandt ihm geantwortet habe.

Bei seiner Arbeit geht der 1940 in Berlin geborene Fotograf sparsam und zurückhaltend vor. Wenn er spricht, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Viele Jahre habe er mit einer Kamera gearbeitet, die er im Wäscheschrank seines Vaters gefunden habe: eine Rolleiflex. Seit 1975 nutze er ein Folgemodell. Über seine Arbeit sagt Müller: „Ich bin aus der Zeit gefallen.“ Müller arbeitet mit vier Wechselobjektiven und einem Stativ, aber ohne Blitzlicht und „ohne schöne Assistentin“. Seine Bilder entwickelt er selbst — und macht pro Negativ nur einen Abzug. Nur für ein Foto habe ihm Brandt posiert, 1991 sei das gewesen, ein Jahr vor dem Tod des Friedensnobelpreisträgers.

22 Bildbände hat Müller bisher veröffentlicht, drei davon über Willy Brandt. Er arbeitet bis heute als unabhängiger Fotograf, nicht im Dienste großer Zeitungen oder Zeitschriften wie so viele andere.

Noch nie habe er Auftragsarbeiten erledigen müssen, sagt er. Worauf es ankommt, beschreibt er so: „Vertrauen ist das Wichtigste, außerdem Diskretion. Nett sein. Drei Sprachen sprechen. Und immer gut angezogen sein!“

„Über Willy Brandt“, Willy-BrandtHaus Lübeck, Königstraße 21, Di bis So, 11-18 Uhr, bis 14.11.

„Nur die Resignation kann uns besiegen, sagtest Du, nie die Schwierigkeit. Leb wohl, Freund Willy.“
Felipe Gonzalez, früherer spanischer Regierungschef, zum Tode

Willy Brandts im Oktober 1992

Liliane Jolitz

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