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Auch Mozart kann die Welt nicht heilen

Lübeck Auch Mozart kann die Welt nicht heilen

Wiederentdeckung des Familienepos von Ernst Lothar: Der Roman „Der Engel mit der Posaune“ von 1944 war in der Verfilmung mit Paula Wessely in der Nachkriegszeit ein Kassenschlager.

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Der Film „Der Engel mit der Posaune“ war 1948 ein Renner. Paula Wessely spielte Henriette, Curd Jürgens Graf Leopold, der sie zum Ehebruch verführen will.

Quelle: Interfoto

Lübeck. Der Roman war die Vorlage für einen der ersten österreichischen Nachkriegsfilme, der, auch in Deutschland, ein riesiger Publikumserfolg wurde. „Der Engel mit der Posaune“ war mit Paul und Attila Hörbiger, Paula Wessely und Curd Jürgens besetzt — eine dem Stoff angemessene hochkarätige Schauspielerriege.

Der Autor des gleichnamigen Romans, Ernst Lothar, geriet jedoch genauso wie sein Buch in Vergessenheit. Im Zsolnay-Verlag ist jetzt eine Neuauflage von „Der Engel mit der Posaune“ erschienen — eine lohnende Ausgrabung.

Denn diese Geschichte der fiktiven Wiener Klavierbauer-Familie Alt von 1888 bis 1945 zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie Österreich sich selbst immer mehr seiner Möglichkeiten nahm, bis es schließlich „heim ins Reich“ kam und den Zweiten Weltkrieg mit verlor. Die Geschichte der Familie Alt macht die Auswirkungen all dieser Geschehnisse deutlich: der Suizid des Thronfolgers Rudolf im grünen Wald von Mayerling, die Ermordung des nächsten Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo, der Erste Weltkrieg, die gescheiterte Demokratie, der austrofaschistische Ständestaat und schließlich die NS-Diktatur. Das hätte eine mehr oder weniger trockene historische Abhandlung werden können — wenn nicht der Autor Ernst Lothar ein ganz wunderbares Personal erfunden hätte, mit dem er seinen Roman bevölkert.

Da kommt alles vor: Die fesche Henriette, die in den Thronfolger verliebt ist und dennoch den emotional verkrüppelten, aber soliden Klavierbauer Franz Alt heiratet. Hermann, einer ihrer Söhne, gehört zu den Mördern des Bundeskanzlers Dollfuß und wird dafür hingerichtet. Henriette selbst wird nach dem Anschluss an das Deutsche Reich von einem SS-Mann erdrosselt. Ihr ältester Sohn Hans ist die zweite Hauptfigur des Buches, ein Idealist, der der Meinung ist, dass Österreich — und vor allem die Musik von Mozart — die Welt von ihren Konflikten heilen kann. Er scheitert natürlich, er verliert seine Frau und schließlich seine Firma — als Halbjude ist er nicht berechtigt, ein Unternehmen zu führen.

Das klingt irgendwie nach Kolportage, ist es in gewissem Sinne sogar. Aber diese Kolportage ist von gehobener Art, Ernst Lothar hat die meisten der Dinge, die er seinen Personen widerfahren lässt, selbst erfahren. Er war zunächst im Staatsdienst tätig, ehe er begann, Romane zu schreiben. Später wechselte er ins Regiefach und wurde Direktor des Theaters in der Josefstadt. Als Jude floh er nach dem „Anschluss“ zunächst in die Schweiz und dann in die USA. Nach Kriegsende kam er zurück nach Österreich und arbeitete wieder erfolgreich als Regisseur. Im USA-Exil entstand der Roman „Der Engel mit der Posaune“.

Es handelt sich bei diesem Roman eben nicht um typische Exil-Literatur. „Der Engel mit der Posaune“ ist vielmehr einer der wichtigen Wien-Romane des 20. Jahrhunderts, der nicht von Sentimentalität und Verlogenheit trieft wie so vieles in der „Stadt der Lieder“, in der sogar die Zuhälter ihre eigene Hymne haben. Wien und die Wiener mit ihren angeblich so goldenen Herzen waren so, wie Ernst Lothar sie beschrieben hat — dieser Realismus macht trotz all der sprachlichen und kompositorischen Defizite den Roman so bedeutend.

Und warum heißt der Roman „Der Engel mit der Posaune“? Weil der Eingang des Hauses im 1. Wiener Bezirk, in dem die gesamte Familie Alt wohnt, von einem solchen „Blasengel“ geschmückt ist.

Jurist, Regisseur und Schriftsteller

Ernst Lothar (1890-1974) hieß eigentlich Lothar Ernst Müller und war promovierter Jurist. Schon während seiner Tätigkeit als Staatsanwalt nach dem Ersten Weltkrieg schrieb er erste Romane, auch war er Mitbegründer der Salzburger Festspiele. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 musste er als Jude das Land verlassen, er emigrierte in die USA. Dort schrieb er sein Hauptwerk „Der Engel mit der Posaune“ über Henriette Alt, die mit 20 Geliebte des Kronprinzen Rudolf, mit 70 Opfer von Hitlers Gestapo wird. Lothar kehrte 1946 nach Wien zurück und wurde Oberspielleiter am Burgtheater.

„Der Engel mit der Posaune“ von Ernst Lothar, Nachwort von Eva Menasse,  Zsolnay-Verlag, 544 Seiten, 26 Euro

Jürgen Feldhoff

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