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„Auch die Mauer in den Köpfen ist verschwunden“

Lübeck „Auch die Mauer in den Köpfen ist verschwunden“

Schriftsteller Peter Schneider spricht in Lübeck zu 25 Jahren Einheit.

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Linker Intellektueller und Anwalt der deutschen Einheit: Peter Schneider beim LN-Gespräch.

Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck. Peter Schneider hat sich 1982, acht Jahre vor der Wiedervereinigung, als weitsichtiger Schriftsteller erwiesen. „Die Mauer im Kopf einzureißen wird länger dauern, als irgendein Abrissunternehmen für die sichtbare Mauer braucht.“ Der Satz stand damals in Schneiders Erzählung „Der Mauerspringer“, der Autor darf als Urheber der Metapher von der Mauer in den Köpfen von West- und Ostdeutschen gelten.

Schneider, inzwischen 75 Jahre alt, doch immer noch von jugendlichem Elan, ist also ein äußerst interessanter Zeitzeuge und Referent zur Feier von 25 Jahren deutscher Einheit. Die Lübecker Gemeinnützige hat ihn eingeladen, heute in einer Matinee über seine Sicht auf das Jubiläum zu sprechen.

„Als ich das mit der Mauer im Kopf schrieb, empfand ich den Satz keineswegs als brillant“, sagt Schneider den LN. „Man brauchte nur die Augen aufzumachen, um zu erkennen, dass zwischen BRD- und DDR-Bürgern keine Bereitschaft existierte, die Gegenseite so zu nehmen, wie sie war.“ Er hatte in den 1980er Jahren einige Freunde in der DDR, Schriftsteller und andere Künstler. Günter Grass hatte angestoßen, dass West-Autoren bei Kollegen in Ostberlin im Lesungen hielten. Es gab Austausch, Diskussionen, „es gab auch wüste Beschimpfungen“, erinnert sich Schneider. Die Stasi habe die Zusammenkünfte dann nach und nach verhindert.

Ist die geistige Mauer in den 25 Jahren der Einheit kleiner geworden? „Sie ist zum großen Teil verschwunden“, sagt der Schriftsteller. „Dass nicht nur die Grenze fiel, sondern auch die Wiedervereinigung gelang, ist allerdings schon ein Wunder.“ Großereignisse, die in die Geschichtsbücher eingingen, erschienen dort als zwangsläufige Entwicklungen. Bei der Vereinigung Deutschlands aber hätte einiges schief laufen können. „Man muss Helmut Kohl zugute halten, dass er die Chuzpe hatte, das Projekt deutsche Einheit so energisch voranzutreiben. Wenn die Politik auf die Intellektuellen in beiden deutschen Staaten gehört hätte, wäre es nicht geglückt. Niemand, vor allem nicht Günter Grass, befürwortete die Einheit.“ Das hatte Konsequenzen: „Wir Intellektuelle haben uns von der damaligen Fehleinschätzung nicht erholt. Unsere Rolle in der Gesellschaft hat sehr gelitten.“ Schneider selbst allerdings war ein eifriger Einheits-Befürworter.

Peter Schneider wurde 1940 in Lübeck geboren, sein Vater Horst war Erster Dirigent am Theater. Die Familie lebte nur eineinhalb Jahre in der Stadt, zog dann nach Königsberg, floh 1944 über viele Stationen nach Bayern. In Freiburg wuchs Peter Schneider auf. Seit 1961 ist der Überzeugungsberliner.

Matinee: heute, 11 Uhr, Großer Saal der Gemeinnützigen, Königstraße 5, der Eintritt ist frei.

mib

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