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18:33 10.09.2018
Takadoon ließen beim Travejazz Festival im Schuppen 6 eine melodiöse Mischung von Jazz und Pop hören. Quelle: Fotos: 54° / Felix Koenig
Lübeck

Fünf Jahre Travejazz. Ein kleines Festival feiert mit großen Auftritten. Ganz erstaunlich, was die Macher mit ihrem schmalen Budget zum Geburtstag auf die Beine gestellt haben. Musik, die manchmal sogar auf Augenhöhe ist mit der des großen Bruders namens Jazz Baltica. Der spielt zwar, ausgestattet mit einem vergleichsweise üppigem Etat und professioneller Organisation, in einer anderen Liga, aber Travejazz hält frisch und frech dagegen. Mit einem facettenreichen Programm, das immer noch liebenswert handgemacht ist.

Höhepunkt am Sonnabend im Schuppen 6 war das Konzert mit dem schwedischen Pianisten Jacob Karlzon, der verblüffend authentisch und kreativ anknüpft an die hohe Tasten-Kunst des früh verstorbenen Esbjörn Svensson. Ein spiritueller Hauch durchweht sein feinst ziseliertes Spiel, in dem keine Note zu viel ist und keine zu wenig. Jeder Anschlag sitzt punktgenau, entwickelt aus der inneren Logik der musikalischen Strukturen. Piano-Ästhetik – wunderbar stimmig.

Alles dies demonstriert Karlzon so, als wäre es selbstverständlich, und er ist dabei gänzlich uneitel. Hier wirft sich kein Tastenlöwe stolz in die Brust, um seine Virtuosität gleichsam auszustellen, hier ist vielmehr einer zugange, der keine effekthaschenden Verrenkungen machen muss, um sein Publikum mitzureißen. Im Grunde ist Karlzons Kunst eine solistische Kunst, die keine Begleiter braucht. Dennoch hatte der Pianist zwei Musiker – Rasmus Kihlberg (Schlagzeug), Morten Toftgaard Ramsbol (Bass) – an seiner Seite, die ihr Können ein paar Mal aufblitzen ließen, sich sonst aber wohltuend zurückhielten.

Irgendwie geistesverwandt und doch ganz anders der in Berlin lebende und dort nachhaltig wirkende Pianist und Trompeter Sebastian Studnitzky, der mit seiner Gruppe „KY organic“ schon am Nachmittag im leider halb leeren Schuppen 6 auftrat. Die Interaktion mit den Kollegen – Laurenz Karsten (Gitarre), Paul Kleber (Bass), Tim Sarhan (Schlagzeug) – spielt bei ihm eine weitaus größere Rolle als bei Karlzon. Trotzdem gibt es Vergleichbares: eine elegische Grundierung, die nie ins Sentimentale abrutscht; eine meditative Gestimmtheit, die mit Abgehobenheit nichts zu tun hat.

Studnitzky, der einen transparenten Trompetenton bläst und mit pianistischer Feinzeichnung glänzt, liebt lange Stücke, die aber alles andere sind als langweilig. Im Gegenteil: Sie entwickeln einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Durch eine sich ständig steigernde Intensität, bewerkstelligt durch das allmähliche Anziehen des Tempos und das langsame Hochfahren der Lautstärke entsteht eine Spannung, die an Ravels „Boléro“ erinnert. Die Zuhörer waren begeistert.

Eine schöne Idee der Veranstalter, dass die reinen Männer-Gruppen von Karlzon und Studnitzky flankiert wurden von Formationen, bei denen junge Frauen aus Hamburg den Ton angeben. Im Fall des schwedischen Pianisten war es Tini Thomsens stürmisch begrüßtes Quintett „Max Sax“, das eine musikalische Kraftmaschine anwarf, die in anderthalb Stunden hochtourig heißlief und nur für ein paar Atempausen kurzfristig etwas abgebremst wurde. Herausragend neben der Chefin, die mit ihrem gewaltigen Baritonsaxophon souverän und fetzig agierte, der E-Gitarrist Tom Rapp, der seinem Instrument unglaubliche Klanggewitter entlockte.

Im zweiten Doppelkonzert war neben „KY organic“ das von der Sängerin Linda Kauffeldt geleitete und vokal geprägte Quartett „Takadoon“ zu hören. Eine sympathische, mit urbaner Lässigkeit daherkommende Band mit gut hörbarem Potenzial, das allerdings noch nicht ganz ausgeschöpft ist. Aber gerade auch für solche nach vorn strebende junge Gruppen ist Travejazz eine ideale Plattform.

Die Organisatoren des Festivals zogen eine „äußerst positive“ Bilanz. „Wir sind sehr zufrieden“, sagte Thorsten Hingst, einer der Programmmacher von Travejazz. Mit rund 2000 Besuchern habe man etwa die Zahlen der Vorjahre erreicht, und das trotz der schwierigen Verkehrssituation mit der Baustelle vor dem Schuppen 6, wo die meisten Konzerte stattfanden. Mit der fünften Auflage habe man Travejazz auf dem Markt fest etabliert und scheue keinen Vergleich mit ähnlichen Festivals. „Musiker wie Sebastian Studnitzky oder Jakob Karlzon sind weltweit unterwegs und haben uns internationales Niveau und zugleich einen familiären Charakter bescheinigt“, sagt Hingst. „Das bestätigt uns in unserer Arbeit.“ In diesem Jahr habe man die starren Genre-Blöcke aufgelöst und an den einzelnen Tagen eine Mischung gehabt, was dem Publikum sehr gefallen habe.

Das sechste Travejazz-Festival wird vom 5. bis 8. September 2019 stattfinden. Es werde wieder kostenlose Konzerte geben, auch für junge Besucher, sagte Hingst.

Hermann Hofer und Peter Intelmann

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