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Kultur im Norden Auf Brahms‘ Spuren durch die Nacht
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18:12 02.05.2016

Gut, dass weiche weiße Kissen bereitgelegt worden waren. Denn es kam schon vor, dass der eine oder andere Gast während der „Großen Nachtmusik“ einnickte. Es lag einfach an der späten Stunde, zu der Dieter Mack, Professor für Komposition an der Musikhochschule Lübeck, zusammen mit Vera Saalfeld über die Klavierstücke „Gymnopédies“ von Erik Satie improvisierte — in einem Vier-Stunden-Musik-Marathon. Die „Große Nachtmusik“, Teil des 25-stündigen Wandelkonzerts, das von Sonnabendmittag bis Sonntagmittag dauerte, gehörte zu den Glanzpunkten des Brahms-Festivals. „Es war ein unerwarteter Erfolg. Der Besuch fast aller Veranstaltungen war höher, als wir erwartet haben“, sagt Projektleiter Dieter Mack.

Was den Besuch des Festivals angeht, kann sich die Musikhochschule mit einer nie dagewesenen Zahl schmücken. 5500 Besucher kamen zu den Veranstaltungen, 2000 mehr als im Vorjahr. Bei den Lunchtime-Konzerten im Museum Behnhaus/Drägerhaus waren immer alle Stühle besetzt. Selbst die „Verwandlungen am Morgen“, zu denen sich unter Leitung von Robert Roche die Gesangsstudierenden ab 7 Uhr zunächst im Nachtgewand präsentierten und mit Morgengymnastik und Frühstück zum Aufwachen einluden, war der Kammermusiksaal gefüllt.

Ein Erfolg, an dem viele Anteil haben. „Das silberne Brahms-Festival hat — gerade durch die lange Nacht und die studentischen Konzerte — eine Festivalstimmung in der MHL gezaubert“, sagt Hochschul-Präsident Rico Gubler. Für ihn war es ein Festival, „wie es nur eine und vielleicht sogar nur diese Musikhochschule ausrichten kann“.

Für die „Große Nachtmusik“, die von 1 Uhr bis 5 Uhr dauerte, war der raumfüllende Eichentisch aus der Mensa weggeräumt worden. Auf der freien Fläche standen junge Frauen und Männer. Nur ein paar vereinzelte ältere Semester hatten sich in den Raum gewagt. Lichtreflexe von einer silbernen Disco-Kugel erhellten den abgedunkelten Raum. An der Decke tanzten kunterbunte Blumenmuster und lenkten den überraschten Blick auf einen Alphornbläser: Der Hornstudent Karl Unger — ihm wurde johlend applaudiert — entlockte seinem Instrument auf der Empore echte Töne. Krasser Kontrast zur stampfenden Technomusik von Sebastian Ludwig-Di-Salvatore. Der Fagott-Student aus Italien präsentierte die elektronischen Klänge unter seinem Künstlernamen „Sebastian Dali“ virtuos. Einige wenige bewegten sich dazu. Laut und wild war es in der Mensa beim Auftritt der Professoren Johannes Fischer (Percussion), seiner Ehefrau Nari Hong (Flötistin) und Frank Danksagmüller (Orgel-Professor). Die psychedelische Livemusik, bei der Danksagmüller seinem selbstkonstruierten „Gullyphon“ raue Töne entlockte, bildete den Sound für einen apokalyptischen Film, der hinter den Musikern auf der Wand lief. In den ersten Reihen zuckten Glieder, stampften Füße.

Beim Abschlusskonzert („Finale“) des 25. Brahms-Festivals kam am Sonntag die nicht allzu zahlreiche Zuhörerschaft im Großen Saal der Musikhochschule in den seltenen akustischen Genuss der großen Konzertorgel. Dabei erwies sich, dass es bei der kurzen Nachhallzeit des Klangerlebnisses eines großen Kirchenraumes ermangelte. Allerdings kam die trockene Akustik der überbordenden neobarocken und sich im polyphonen Geäst verlierenden, oftmals unübersichtlich wirkenden Satztechnik von Max Reger, dessen 100. Todestag in diesem Jahr begangen wird, entgegen.

Arvid Gast meisterte Regers komplizierte Phantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46. Robert Schumanns Symphonische Etüden cis-Moll op. 13 (1834) gehören zu den auch technisch anspruchsvollsten Werken der Klavierliteratur. In einem Wechsel von ungestüm herausfahrenden, lebhaften Abschnitten mit innig-schlichteren werden die beiden Aspekte der Schumann‘schen Persönlichkeit (das Sanguinische und das Melancholische) deutlich. Konrad Elser verhalf diesen gegensätzlichen Aspekten zu ihrem Recht.

Das 26. Brahms-Festival 2017 wird unter dem Motto „Heimat“ stehen. /

Dieter Kroll

Von Dorothea Kurz-Kohnert

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