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Kultur im Norden Auf Spurensuche in Amerika
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18:10 31.07.2018
Mitte Juni war die Eröffnung, Mitte Juli sah es noch so aus: Aufnahme der Mann-Villa vom 14. Juli. Quelle: Foto: Peter M. Und Gisela Weyrauch
Göttingen

Sie sind einer von fünf Stipendiaten, die ab dem 1. August in das vor Kurzem eröffnete Thomas-Mann-Haus in Los Angeles einziehen. Was haben Sie sich für diese Zeit vorgenommen?

In der ehemaligen Villa Thomas Manns in Los Angeles sollen künftig Künstler und Wissenschaftler für ein paar Monate leben und arbeiten und das Haus zu einem Ort der transatlantischen Verständigung machen. Zu den ersten Bewohnern zählt der Göttinger Germanist Heinrich Detering.

Heinrich Detering: Sinn der Fellowship ist die Förderung der transatlantischen Beziehungen – in persönlichen Begegnungen ebenso wie in literarischen und wissenschaftlichen Projekten.

Was kann ich als Literaturwissenschaftler zu diesem Thema beitragen? Ich will einen historischen Rückblick versuchen und mich einerseits Benjamin Franklin widmen, der 1766 nach Hannover und Göttingen reiste. Ein damals erschienener Gesprächsband gibt ein Bild der amerikanischen Kolonien zehn Jahre vor der Unabhängigkeit. Da führt uns ein Gründervater der USA zurück in die Frühzeit der amerikanisch-deutschen Beziehungen. Andererseits will ich mich mit dem Auswanderer Franz Daniel Pastorius beschäftigen, dem ersten deutsch-amerikanischen Schriftsteller aus dem späten 17.

Jahrhundert. Er hat damals die erste Kampfschrift gegen Sklaverei verfasst – noch unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges, der Europa zerstört hatte. Seine Texte sind heute frappierend aktuell. Und schließlich will ich mich auf die Spuren eines bereits geschriebenen Buches begeben. In „Thomas Manns amerikanische Religion“ untersuchte ich Manns Beziehungen zur Unitarischen Kirche in Kalifornien.

Wie stand Thomas Mann zu dieser Kirche?

Im Exil und im Kampf gegen Hitler wandte Thomas Mann sich neu der Bibel und den religiösen Grundlagen der Kultur zu. Dabei begann er sich auch für die Unitarier zu interessieren, die einst aus der Reformation hervorgegangen waren, sich aber in den Vereinigten Staaten eigenständig entwickelt hatten: politisch linksstehend, den Bürgerrechtsbewegungen nah. Ihre Verbindung von sozialer Reform und christlichem Ethos beeindruckte Thomas Mann ebenso wie das Vorbild unitarischer Vorkämpfer. Auch dies brachte ihn auf die Schwarze Liste des FBI. Zusammen mit einigen heutigen Vertretern dieser Gemeinschaft wird es ein Symposium zur Bedeutung der Fragen geben, die Thomas Mann damals gestellt hat – heute, in Trumps Amerika.

In dem Haus in Kalifornien hat Thomas Mann den letzten Band seiner Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ vollendet. Inwiefern spielt die Situation der deutschen Flüchtlinge in den USA eine Rolle?

Mann hat den biblischen Stoff bewusst als einen jüdischen Roman konzipiert. Anspielungen auf die Exilierten und die Flüchtlinge aus Hitlerdeutschland sind offenkundig. Bereits Günter Grass hat in seiner Dankrede zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises 1996 darauf hingewiesen, wie sehr das Flüchtlingsthema im Roman den heutigen Migrationsbewegungen ähnelt. Zugleich bezieht Thomas Mann die Josephs-Geschichte auch auf Roosevelt und seinen „New Deal“. Mann verehrte diesen Präsidenten, er engagierte sich sogar in seinem Wahlkampf. In einer Diskussionsveranstaltung zur Eröffnung des Thomas-Mann-Hauses wurde der Übergang von der Roosevelt- zur McCarthy-Ära – in der Thomas Mann eine amerikanische Variante des Faschismus sah – mit dem Wechsel von der Obama- zur Trump-Ära verglichen.

Interview: Nina May

Eröffnung auf einer Baustelle

Am 18. Juni hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades in feierlichem Rahmen eröffnet. Die Bundesregierung hatte es für 13 Millionen Dollar gekauft, das Lob für das Haus war groß. Allerdings war es noch nicht ganz fertig. Als die LN-Leser Gisela und Peter M. Weyrauch aus Klein Parin es Mitte Juli besuchten, waren sie erstaunt über den Zustand. Sie hätten es „im Rohbau“ vorgefunden, sagen sie. „Es bleibt ein Rätsel, dass unser Bundespräsident auf dieser Baustelle offiziell die Einweihung ausgesprochen hat.“

LN

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