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Kultur im Norden Auf der Suche nach absoluter Musik
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23:20 06.01.2016
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Lübeck

Selbst wer noch nie eine Komposition von Pierre Boulez gehört hat, weiß, dass der Franzose ein ganz Radikaler gewesen sein muss, einer, der Opernhäuser in die Luft sprengen wollte. Doch gemach: Boulez, der am Dienstagabend in seiner Wahlheimat Baden-Baden mit 90 Jahren gestorben ist, versuchte zwar immer wieder, Avantgardeklänge in Konzert- und Opernhäusern zu etablieren, doch das mit zivilen Mitteln.

Die Sätze vom Theater in die Luft jagen, die ihn den Rest seines Lebens begleiten sollten, sagte er 1967 in einem „Spiegel“-Interview. Da behauptete er, auf den existierenden Bühnen könne glaubwürdig keine neue Oper gespielt werden. „Die teuerste Lösung wäre, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Aber glauben Sie nicht auch, dass dies die eleganteste wäre?“

Dass aus diesem Provokateur einmal ein feinfühliger Orchesterleiter würde, war 1967 nicht abzusehen. Doch als Dirigent war er ab den 1960er Jahren gefragt. Am Pult des Südwestfunk-Orchesters in Baden-Baden war er Dauergast.

Deutschland war für Boulez ein Dorado der Neuen Musik. Bei den Internationalen Ferienkursen in Darmstadt war er Dozent, bei den Donaueschinger Musiktagen wurden in den 1950er Jahren seine instrumentalen und elektronischen Versuche aufgeführt. Meist vor einem kleinen, kundigen Publikum, das seine seriellen und von mathematischen Modellen bestimmten Kompositionen schätzte. Auf der Suche nach der absoluten Musik fand Boulez selten ein Ende, viele Stücke verwarf er oder arbeitete sie später um.

Vor ein großes Auditorium wagte er sich 1966 als Dirigent bei den Bayreuther Festspielen. Richard Wagners „Parsifal“ raste unter Boulez‘ Leitung durch das Festpielhaus. Dort gelang ihm 1976 ein Coup:

Regisseur Patrice Chéreau und er lieferten einen „Ring des Nibelungen“ ab, der als Jahrhundertereignis in die Bayreuther Geschichte eingehen sollte. Das Orchester rebellierte zunächst gegen den radikalen Stil des Dirigenten. Doch auf den Sturm folgte der Triumph — Wagnerianer schwärmen heute noch von der Großtat des Duos. „Pierre Boulez wurde zum Reform-Helden, der überzeugend Tradition und Moderne verband“, schrieb der „Spiegel“. Ob seine Kompositionen zu Klassikern werden, sei dahingestellt.

Michael Berger

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