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Auf der Suche nach dem Selbst

Lübeck Auf der Suche nach dem Selbst

Martin Mosebachs neuer Roman „Mogador“ spielt nicht in Frankfurt. Das ist eine echte Überraschung. Den Helden verschlägt es nach Marokko.

Lübeck. Ein smarter junger Karriere-Banker aus Düsseldorf wird von der Polizei vorgeladen, weil es in seiner Abteilung zu Veruntreuungen gekommen ist, ein Mitarbeiter hat zudem Selbstmord begangen. Um der Reporter-Meute vor dem Polizeipräsidium zu entgehen, springt der Banker aus dem Fenster und flüchtet nach Marokko. Er landet in Essaouira, wo er bei einem ehemaligen Geschäftspartner Hilfe sucht. Bis zum überraschend schnellen Ende der Geschichte muss der Banker Patrick Elff allerdings auf eine Reise ins eigene Ich gehen, die mindestens so spannend ist wie der Fall von Wirtschaftskriminalität, der den Anstoß zu der Reise nach Marokko gab.

 

LN-Bild

Martin Mosebach ist seiner Heimatstadt Frankfurt in Hassliebe zugetan.

Quelle: Visum

Wenn Martin Mosebach einen neuen Roman veröffentlicht, kann man die Reaktionen vorhersehen. Eine Hälfte der Kritiker wird den bekennenden Frankfurt-Hasser wieder einmal als bombastischen Schwachmathiker bezeichnen. Die andere Hälfte wird ihn wie immer einen Meister der Beschreibung und letzten Aufrechten in Zeiten des Sprachverfalls nennen. Martin Mosebachs Roman „Mogador“ – der alte Name von Essaouira– liefert beiden Seiten Munition für ihre Haltung.

Denn „Mogador“ ist natürlich alles andere als originell. Wie oft hat man von solchen Seelenreisen gelesen, in denen ein Mensch in einem fremden Land diverse Zustände durchleben muss, ehe er zu sich selbst findet. Und wie oft hat man sich bei der Lektüre von Mosebachs Büchern gefragt, warum denn ein Kakadu über drei oder vier Seiten bis zur letzten Feder beschrieben werden muss, obwohl er mit der Handlung nichts zu tun hat. Das liest sich dann zum Beispiel so: „Auf dem niedrigen runden Tisch lag ein Haufen zerfetzter Crevetten; die rosa Panzer, in ihrer Zartheit Ballett-Rüstungen gleichend, waren auseinandergerissen und ausgelutscht, die Trümmer zeigten noch die schöne Farbe.“ So kann man natürlich über die Überreste einer Mahlzeit schreiben, kaum jemand jedoch kann das mit einer solchen Eleganz wie Martin Mosebach. Inwiefern eine solche Beschreibung zur Wahrheitsfindung beiträgt, sei dahingestellt Was „Mogador“ von belletristischer Dutzendware unterscheidet, ist einerseits tatsächlich die Sprache Mosebachs. Sie ist maniriert, manchmal sogar brokaten. Und gelegentlich schrammt sie haarscharf an unfreiwillig komischen Formulierungen vorbei. Dennoch ist sie von einer Brillanz, die tatsächlich selten geworden ist in diesen Zeiten. Und sie ist mehr als nur der Versuch, ein wenig wie Thomas Mann zu schreiben, wie man Mosebach vorgeworfen hat.

Was in diesem Roman ebenfalls überzeugt, ist die Schilderung ausgesprochen schräger Charaktere. Der alte Imman, dem die dritten Zähne gewachsen sind, die ehemalige Hure und Kupplerin samt ihrem zwielichtigen Faktotum, bei denen Patrick Elff Zuflucht gefunden hat: Das sind Figuren, die so schnell nicht aus dem Gedächtnis verschwinden.

Dass Mosebach seinen Helden auch noch in die Welt orientalischer Geister und Dämonen schickt, darüber kann man durchaus geteilter Meinung sein. Muss der Autor wirklich diese nicht mehr spirituelle, sondern schon spiritistische Ebene in sein Roman-Gebäude einziehen? „Mogador“ samt der Selbstfindung des Helden hätte auch ohne diese Spökenkiekerei funktioniert.

Und trotzdem ist dieser Roman lesenswert. Schon allein, weil er in seinem mäßigen Tempo ein Korrektiv zur allgemeinen Tempo-Sucht dieser Zeit setzt. Martin Mosebach bleibt, wie er als Autor immer war: Unzeitgemäß, dandyhaft und irgendwie anders als die anderen. Dazu könnte man Charles Baudelaire zitieren, der einst sinngemäß sagte, dass der Dandyismus die letzte Form des Heroismus in Zeiten des Verfalls ist. Vielleicht ist das ja ein wenig zu hoch gegriffen im Falle von Martin Mosebach – aber irgendwie stimmt es doch.

„Mogador“ von Martin Mosebach, Rowohlt; 367 Seiten; 22,95 Euro.

Waschechter Hesse

Martin Mosebach wurde 1951 in Frankfurt am Main geboren und wuchs im Taunus auf. Er ist der Sohn einer katholischen Mutter und eines evangelischen Mediziners. Als er fünf Jahre alt war, kehrte die Familie nach Frankfurt zurück. Mosebach studierte in Frankfurt und Bonn Jura, 1979 legte er das Zweite Staatsexamen ab. Gegen Ende seines Referendariats begann er erzählerisch zu schreiben und bezeichnet sich daher selbst als „Spätentwickler“. Von Golo Mann entdeckt, erhielt er 1980 den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung. Seit 1980 lebt er als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main. Im Jahr 2007 erhielt Martin Mosebach den Georg-Büchner-Preis durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.

Jürgen Feldhoff

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