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Auf der Suche nach der Ewigkeit

Lübeck Auf der Suche nach der Ewigkeit

Christoph Ransmayr lässt seinen neuen Roman im alten China spielen.

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Eine Uhr, die der Uhrmacher James Cox 1766 für den Kaiser Quianlong baute. FOTO: METROPOLITAIN MUSEUM NEW YORK

Lübeck. . „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding“, singt die Marschallin im ersten Akt von Richard Strauss’ Oper „Der Rosenkavalier“. Wie sonderbar die Zeit ist in ihrer subjektiven Wirkung, hat jedermann am eigenen Leibe erlebt. Auch die Uhrmacher. Und einer der berühmtesten aller Zeiten ist die Hauptfigur in Christoph Ransmayrs neuem Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“. Ein großartiger Roman, ebenso spannend wie lehrreich und amüsant zugleich. Außerdem ist die Geschichte des Uhrmachers Cox ein Lehrbeispiel für die Kunst des klassischen Erzählens.

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Christoph Ransmayr lässt seinen neuen Roman im alten China spielen.

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Den Uhrmacher Cox gab es wirklich, er lebte in England von 1723 bis 1800 und galt als einer der besten seiner Zunft. Er baute nicht nur Uhren, sondern sogar Automaten, die auch am chinesischen Kaiserhof beliebt waren. 1772 zum Beispiel kaufte der Kaiser Qianlong eine komplette Schiffsladung mit Erzeugnissen von Cox. Und zu eben diesem Kaiser Qianlong schickt Christoph Ransmayr seinen handwerklich so hochbegabten Helden.

Der echte Cox war nie in China, aber dass Ransmayr ihn dorthin verfrachtet, ermöglicht uns die Lektüre eines Romans, der in seiner sprachlichen Kraft eindrucksvoll ist. Cox und seine Gehilfen kommen mitsamt ihrem Werkzeug auf einem Schiff der Ostindien-Kompanie in China an und reisen auf dem Kaiser-Kanal weiter nach Peking. Das Leben auf dem Kanal, der erste Blick auf eine wunderschöne kaiserliche Konkubine, das alles ist für Cox nicht nur eine neue Welt, sondern auch die Möglichkeit, nach einem schweren Schicksalsschlag aus seiner Depression wieder aufzutauchen. Cox soll für den Kaiser Uhren bauen, die den Verlauf der Zeit nicht nur messen, sondern auch darstellen. Und der Kaiser, der auch den Titel als Herr der Zeit führt, hat ganz spezielle Wünsche: Für die Zeit eines Kindes, die Zeit eines Sterbenden, die Zeit eines glücklichen und eines traurigen Menschen will er Uhren haben. Cox geht in dieser Arbeit auf – bis der Kaiser ihm den Auftrag gibt, eine Uhr zu bauen, die die Ewigkeit anzeigt.

Christoph Ransmayr schildert das große Abenteuer des britischen Handwerks-Künstlers mit herausragender Intensität. Der Autor schafft dabei ein Universum der Künstlichkeit. Schon der Kanal, auf dem er in die Residenz reist, ist keine natürliche Wasserstraße, der Kaiserhof und die anderen Paläste befinden sich in künstlich angelegten Landschaften. Von höchstem ästhetischen Reiz zwar, aber doch künstlich. Künstlich und künstlerisch wie die Automaten und Uhren, die Cox mit ungeheurem Aufwand herstellt. Es sind die Beschreibungen dieser chinesischen Welt Mitte des 18. Jahrhunderts, die den Roman so lesenswert machen. Und außerdem bestechen die Anmerkungen Ransmayrs über das Wesen der Zeit durch ihre Präzision und durch ihre philosophische Schönheit. Hans Castorp in Thomas Manns „Zauberberg“ erkennt das Wesen der Zeit am Sternenhimmel und an Gläsern mit Eingemachtem im Keller seines Hamburger Heims – Uhrmacher Cox erkennt es an der Kraft der Erinnerung und an der Fähigkeit, nach vorne zu denken.

Dieser Roman ist eine großartige Melange aus Philosophie, gediegenster Sprache und auch Psychologie – wie sonst sollte man das subjektive Empfinden des Verlaufes der Zeit sonst schildern? „Cox oder Der Verlauf der Zeit“ ist einer der ganz starken Romane dieses Jahres.

„Cox oder Der Verlauf der Zeit“ von Christoph Ransmeyr, S. Fischer Verlag, 302 Seiten, 22 Euro.

Ein Reisender

Christoph Ransmayr wurde 1954 in Wels (Oberösterreich) geboren und lebt nach Jahren, die er auf Reisen und in Irland verbracht hat, wieder in Wien.

Neben Romanen wie „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ (1984), „Die letzte Welt“ (1988), „Morbus Kitahara“ (1995) und dem „Atlas eines ängstlichen Mannes“ (2012) erschienen bisher zehn Prosabände, die er „Spielformen des Erzählens“ nennt, darunter „Damen & Herren unter Wasser“, „Geständnisse eines Touristen“ und „Gerede“. Zum Werk Christoph Ransmayrs erschien der Band „Bericht am Feuer“. Er erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, unter anderem die nach Friedrich Hölderlin, Franz Kafka und Bert Brecht benannten Literaturpreise.

Jürgen Feldhoff

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