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Aufwacken!

Lübeck Aufwacken!

Mittwoch startet Wacken: Und bei der sechsten Ausgabe haben die Veranstalter  „Kultfestival“ aufs Plakat geschrieben. Heavy Metal ist längst ein Fall für alle, auch für die Wissenschaft.

Was 1990 in der „Kuhle“ in Wacken begann, ist zum größten Heavy-Metal-Festival der Welt geworden.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Kult heißt ja alles oder nichts, es ist völlig beliebig. Man hätte es also auch lassen können. Aber die jungen Festivalmacher beschlich die Ahnung, dass sie da etwas ganz Besonderes aus dem Boden ihrer „Kuhle“ gestampft hatten. In Wacken. Im Kreis Steinburg. Irgendwo bei 54 Grad nördlicher Breite und 9,38 Grad östlicher Länge.

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Mittwoch startet Wacken: Heavy Metal ist längst ein Fall für alle, auch für die Wissenschaft.

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Das war 1996, und neben „Kultfestival“ standen die Böhsen Onkelz auf dem Plakat. Die Böhsen Onkelz waren eine Macht damals, eine Referenz. Und im Nachhinein so etwas wie die Ouvertüre zu einer der modernen Sagengeschichten Schleswig-Holsteins.

Mit ihnen standen Bands wie Randalica und die Dimple Minds auf der Bühne. Die spielten Songs wie „Tote auffe Tanzfläche“ oder „Durstige Männer“, und das war eher nichts, worauf man ein Imperium hätte errichten können. Mit den Böhsen Onkelz aber kamen plötzlich 10000 Besucher, im nächsten Jahr waren es mehr, im Jahr darauf auch, und dann ging es eigentlich immer so weiter.

Inzwischen ist man bei 75000 angelangt und das Ziel globaler Metal-Wallfahrten. Und auch wenn Festival-Chef Thomas Jensen dem „Billboard Magazine“ sagte, mit den Ticketeinnahmen von 2016 würden die Schulden von 2015 bezahlt: Man spricht Wacken jetzt immer mit einem Ausrufezeichen dahinter.

Das muss man erst mal schaffen, aus dem Nirgendwo aufzutauchen und zu einem Begriff zu werden in Peru oder Tadschikistan. Da gibt es nicht viele, vielleicht noch das Münchner Oktoberfest. Und wenn man es recht besieht, sind sich beide auch ziemlich ähnlich.

Wacken mit seinem Rahmenprogramm ist ja längst vom Volksfest kaum zu unterscheiden. Natürlich, die Bands singen von Ritter, Tod und Teufel und sehen zum Teil auch so aus. Aber das ist Folklore, auch wenn norwegische Black-Metal-Leute Kirchen angezündet und noch ganz andere Dinge getan haben. Wacken ist ein schwarzes Disneyland, ein Rummelplatz für Fortgeschrittene. Und vielleicht ist das irre Toben, all dieser Blutdurst und Höllendonner nur das Entsetzen darüber, dass man längst im Mainstream angekommen ist. Wer Heino einlädt, braucht sich jedenfalls um die reine Lehre nicht mehr zu sorgen.

Rockkonzerte sind ja keine Jugendveranstaltungen mehr. Die New Wave of British Heavy Metal liegt fast vier Jahrzehnte zurück, und wer damals zu Iron Maiden und Saxon gegangen ist, der tut es oft heute noch oder wieder. Er kauft auch deren Platten und CDs, statt sie aus dem Cyberspace herunterzuladen, was dann zu seltsamen Ergebnissen in den offiziellen Hitlisten führt. Und Indonesiens Staatspräsident Joko Widodo, ein Verehrer von Napalm Death und Metallica, ist nur einer von ihnen.

Da bleibt es dann nicht aus, dass das Wüten der Metal-Welt, all dieses Armageddon-Theater und böse Geknurre als Protest gegen die Veränderungen um einen herum gedeutet wird. Metal, soll das heißen, ist das Beharren gegen die Zeitläufte, eine im Kern konservative Angelegenheit.

Stimmt das? Kommt drauf an, sagt Thorsten Hindrichs, der sich als Musikwissenschaftler an der Universität Mainz mit Heavy Metal befasst. Musikalisch tue sich Metal in der Tat schwer mit Veränderungen. Politisch aber seien Fans und Bands ein Abbild der Gesellschaft. Und das Klischee von Metal als Musik fürs dumpfe, proletarische Volk sei eben genau das – ein Klischee.

Die von Monstern und Blutrünstigkeit bewohnten Texte allerdings seien auf ihre Art ernst zu nehmen. Es gehe um „power and control, um Macht und Kontrolle über das Chaos in der Welt. Nur dass das metaphorisch in andere Phantasiewelten verlagert wird.“ Die Hörer könnten das auf ihren Alltag und selbst erlebte Kontrollverluste übertragen.

Im Übrigen gebe es derzeit einen Metal-Boom in Geistes- und Sozialwissenschaften. In seinem Fach beobachte er seit zehn Jahren eine wachsende Zahl von Aufsätzen, Büchern und Konferenzen zu dem Thema.

In Deutschland gebe es seit 2010 die Tagungsreihe „Hard Wired“, auf globaler Ebene die „International Association for Metal Music Studies“, die sich gerade im Juni in Kanada getroffen hat. Thema eines Vortrags war dort unter anderem: „Schreie des Neuen, Geflüster der Vergangenheit: Erbe und Heavy Metal in Madagaskar“. Madagaskar. Das ist ungefähr so wie Wacken, kurz bevor sie „Kultfestival“ aufs Plakat geschrieben haben.

Von Marilyn Manson bis zu den Boomtown Rats

Alice Cooper zählt neben Marilyn Manson in diesem Jahr zu den großen Namen in Wacken. Aber er kennt sich aus, er war 2010 und 2013 schon mal da. Auch Status Quo und Europe sind dabei, ebenso die Boomtown Rats, auch wenn sie mit Heavy Metal nichts zu tun haben.

Dafür sind Napalm Death , Amon Amarth und Megadeth verdiente Größen des Genres. Aus Deutschland sind unter anderem Kreator, Accept und Avantasia vertreten, Heaven Shall Burn, Kadavar und Beyond The Black, dazu Subway To Sally und die interessanten Hirsch Effekt. Auf der Bühne wird auch der frühere Scorpions-Gitarrist Uli Jon Roth stehen. Insgesamt werden an vier Tagen rund 150 Bands aufgeboten. Und 2018 dürfte wie gewohnt schon wenige Stunden nach Ende des Festivals 2017 ausverkauft sein.

 Peter Intelmann

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