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Aus dem Leben eines deutschen Helden

Lübeck Aus dem Leben eines deutschen Helden

Revue mit Musik, Witz und gebotenem Ernst: Uraufführung von „Willy Brandt“ — Die ersten 100 Jahre.“

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Das politische Bonn auf der Lübecker Bühne: Günter Grass (Timo Tank), Egon Bahr (halb verdeckt: Julius Robin Weigel), Rut Brandt (Susanne Höhne), Hans-Dietrich Genscher (Peter Grünig) und Herbert Wehner (Robert Brandt). Dahinter der Chor der braven Bundesbürger.

Quelle: Fotos: Thorsten Wulff

Lübeck. Es beginnt mit Intrige und Verrat: Während Bundeskanzler Willy Brandt, umgeben von Rotwein, Zigarettenrauch und Gattin Rut, seine Rolle in der Staatskrise sucht, antichambrieren hinter einem Gazevorhang Wehner („Der Herr badet gerne lau“), Außenminister Genscher, DDR-Chefspion Wolf und sein im Kanzleramt platzierter Agent Guillaume. Das Klima aus Misstrauen und Heimtücke durchzieht das ganze Stück „Willy Brandt — Die ersten 100 Jahre“.

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Das politische Bonn auf der Lübecker Bühne: Günter Grass (Timo Tank), Egon Bahr (halb verdeckt: Julius Robin Weigel), Rut Brandt (Susanne Höhne), Hans-Dietrich Genscher (Peter Grünig) und Herbert Wehner (Robert Brandt). Dahinter der Chor der braven Bundesbürger.

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Seine Rolle gefunden hat von der ersten Szene an Brandt-Darsteller Andreas Hutzel. Einmal mehr ist der Schauspieler das Zentrum einer großen Inszenierung am Theater Lübeck. Hutzel hält den Brandt- Sound, dieses etwas heißere und auch schwerfällige Ringen um Worte, über den ganzen Abend durch. Frisur und Stimme sitzen, und er macht seine Figur auch in Körpersprache und Mimik kenntlich.

Da wird ein Politiker vorgeführt, der die Bundesrepublik wieder an die Staatengemeinschaft andocken und Grenzen überwinden will, der Deutschlands Einheit anstrebt, ohne das NS-Erbe zu leugnen. Der aber schnell ermüdet und sich schwer tut mit den Niederungen von Politik und Familienalltag. Wenn sein Sohn fragt: „Vati, bist du mein Freund?“, dann schaut der Erzeuger nur irritiert.

Mit dem Stoff hat sich Schriftsteller und Regisseur Michael Wallner eine Herkules-Aufgabe vorgenommen. Zum 100. Brandt-Geburtstag — er wurde am 18. Dezember 1913 in Lübeck als Herbert Frahm geboren — sollte es ein Drama von shakespearscher Fülle sein, das verlangt schon die Biografie des Friedensnobelpreisträgers.

Peer Gynt des 20. Jahrhunderts

Daran haben sich schon etliche Künstler versucht: der Brite Michael Frayn mit seinem Stück „Demokratie“ über die Guillaume-Affäre; der Komponist Gerhard Rosenfeld mit seiner Oper „Kniefall in Warschau“. Das Frayn-Drama blieb ein trockenes Politiker-Sprechstück, das Rosenfeld-Singspiel erstickte in Ehrfurcht. In diese Falle wollte Wallner nicht tappen. Doch er hat sich mit der Frage, wer Brandt wirklich war, das heikelste aller biografischen Probleme gestellt.

Für Wallner ist Brandt ein Peer Gynt des 20. Jahrhunderts, Ich-Sucher, Welterklärer, Abenteuer, Witzbold und auch Phantast. Zeilen aus Ibsens Drama verirren sich in den Brandt-Text, er fantasiert sich in sein Traumland Norwegen, sprunghaft wie er ist. Auch das Stück springt in Brandts Leben hin und her. Von den Kanzlerjahren in die Lübecker Jugend, als der kleine Herbert Frahm vom Großvater erfährt, was es mit der Arbeiterbewegung auf sich hat; vom norwegischen Exil zu den Berliner Bürgermeisterjahren, als Brandt von Kennedy lernt, wie ein charismatischer Politiker auftritt. Dann wieder in die 1950er Jahre, als Adenauer mit seinem Slogan „Keine Experimente“ die Sozialdemokraten von der Macht fernhält, so wie es heute Angela Merkel versucht. Wahltriumph, Ostverträge, Misstrauensvotum, Seitensprünge, Kniefall, Nobelpreis, Mauerfall, Scheidung — Geschichte und Privates wird im Schnellgang abgehandelt, immer begleitet von Musik.

Dass Komponist Willy Daum zu jeder Station den passenden Ton findet und dass Schauspieler und Opernchor sich auch singend in die Handlung einfügen, ohne dass es befremdlich wirkt, das macht das schwere Material leicht. Mal klingt Daums Musik wie ein Bühnenstück von Brecht/Weill, dann vermischen sich Arbeiter- und Nazi- Kampflieder, Hymnen klingen an, in einer Kantate werden Wahlkampf und Staatsbesuche verhandelt. Wie Hohn klingt es, wenn der Nato-Doppelbeschluss mit Nicoles Eurovisions-Siegerlied „Ein bisschen Frieden“ kommentiert wird: „Ich singe aus Angst vor dem Dunkeln mein Lied, / und hoffe, dass nichts geschieht.“

„Die Dunkelheit“ regiert

Wallner hat noch einen weiteren Kunstgriff parat: Seinem oft labilen, melancholischen Brandt stellt er die personifizierte Verführung zur Seite: „Die Dunkelheit“, zugleich Eros der Macht, der den Politiker beflügelt, und Zweifel und Depression, die ihn hemmen. Sara Wortmann spielt diese Figur sinnlich, anschmiegsam, ganz in Schwarz und sehr präsent. Neben Hutzel und Wortmann glänzen auch Robin Weigel als Hitler-Marionette, Robert Brandt als Wehner, Gastschauspieler Timo Tank als Guillaume und Wahlkämpfer Günter Grass, Peter Grünig als Genscher und vor allem Susanne Höhne als Rut Brandt, changierend zwischen Gefährtin, Betrogener und familiärem Haltegriff (des norwegischen Akzents hätte es nicht bedurft).

Wissen wir nun mehr über Willy Brandt? Ja und nein. Brandt wird bis heute als Jahrhundertpolitiker angesehen, als Vorbild, das aufgerufen wird, wenn man meint, dass es an glaubwürdigen Figuren in Deutschland fehlt: „Ich bin kein Erwählter, ich bin ein Gewählter“, sagt er im Stück. Wallners Inszenierung befördert nicht den Mythos, sie fordert auf zu kritischer Auseinandersetzung. Das ist neben Kunstfertigkeit und Unterhaltungswert ein drittes großes Verdienst.

Ein Schauspiel mit Gesang: Zehn Darsteller spielen 30 Rollen
Inszenierung:...............Michael Wallner

Bühne:................................Heinz Hauser

Kostüme:....................Tanja Liebermann

Musik:.....................................Willy Daum

Chor:......................................Joseph Feigl

   

Willy Brandt:..................Andreas Hutzel

Die Dunkelheit/Sirene/Journalistin/Nicole:.................................Sara Wortmann

Rut Brandt:....................Susanne Höhne

Herbert Wehner:............Robert Brandt

Markus Wolf/Lars Brandt/ Fischer/SAP-Mann/Hitler-Puppe/Egon Bahr: ..................................Julius Robin Weigel

Günther Nollau/Ludwig Frahm/Chefredakteur/Konrad Adenauer/Bundestagspräsident: ..............................Sven Simon

Martha Frahm/Christel Guillaume/Polnische Studentin/Brigitte Seebacher: ...................................Ingrid Noemi Stein

Günter Guillaume/Günter Breschnew/Helmut Schmidt:.....................Timo Tank

Hans-Dietrich Genscher/Walter Ulbricht/Horst Ehmke:...........Peter Grünig

Herbert Frahm als Kind:

......Phillip Gutberlet oder Jöran Rohlf


Weitere Aufführungen: Do., 12. September, 19.30 Uhr; So., 22 September, 18 Uhr, Großes Haus

Michael Berger

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