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Aus dem Untergrund ins Museum

Hamburg Aus dem Untergrund ins Museum

Die Hamburger Ausstellung „Geniale Dilletanten“ beleuchtet die unruhigen Achtzigerjahre.

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„Einstürzende Neubauten“ vor dem Olympiastadion.

Quelle: P. Gruchot

Hamburg. Metallplatten, Einkaufswagen, Stahlfeder, Eisenklöppel, blaue Plastiktonne, Bohrhammer, natürlich der Bohrhammer — das Schlagzeug der „Einstürzenden Neubauten“ war eines der eigenen Art. N. U. Unruh hatte es auf Schrottplätzen zusammengesucht und dann darauf nach unerhörten Tönen geforscht. Jetzt steht es hier im Museum als Leihgabe eines anderen Museums, und ein Schild sagt: „Bitte nicht berühren!“

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„Der Plan“ aus Düsseldorf war eine der bekanntesten Bands der damaligen Zeit. Das Foto stammt aus dem Jahr 1985.

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Soweit ist es also gekommen mit den genialen Dilettanten, die sich aber „Dilletanten“ schrieben und der gestern eröffneten Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe den Namen gaben. Wobei die Theorien über die Schreibweise auseinandergehen. Als gesichert gilt jedoch, dass Blixa Bargeld von den „Neubauten“ 1981 mit einem selbstgemachten Sticker herumlief, auf dem „Genialer Dilletant“

stand. Außerdem gab es in jenem Jahr im Berliner Tempodrom „Die große Untergangsshow — Festival Genialer Dilletanten“. Seither ist der Name in der Welt.

Es geht um eine fiebrige, nervöse Zeit in der Ausstellung. Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre war das, als der Punk schon nicht mehr so laut war, aber ein paar unruhige Geister seine Energie und Haltung in andere Kanäle lenkten und eine Musik schufen zwischen großer Kunst und großer Unhörbarkeit.

Die „Neubauten“ zählten dazu, aber auch Bands wie „Die Tödliche Doris“, „DAF“, „Der Plan“ oder „Freiwillige Selbstkontrolle“. Sie kamen aus Düsseldorf und Hamburg, sie kamen vor allem auch aus Berlin, und ihr destruktiver Charakter war jung und heiter. Dinge stürzten ein, wurden neu gebaut, und dann war wieder alles offen auf der nach oben ohnehin offenen Richterskala.

Aber dieser Geist fand sich auch in anderen Bereichen wieder, in der Malerei, in der Performance, im Design. Deshalb spannt die Ausstellung den Bogen weiter und zeigt auch Bilder, Möbel und Objekte aus dieser Zeit. Und wenn man auf die Namen der Künstler schaut, sind das solche aus dem heutigen arrivierten Kunstbetrieb. Albert Oehlen gehört dazu, Salomé, der früh verstorbene Martin Kippenberger, der mal den Berliner Punkladen „SO36“ gepachtet hatte. Oder Rainer Fetting, Schöpfer der großen Willy-Brandt-Skulptur in der Berliner SPD-Parteizentrale.

Auch Wolfgang Müller ist Teil dieser Welt. Er hat seinerzeit die „Tödliche Doris“ mitgegründet, ist heute in vielen Bereichen der Kunst unterwegs, auch als Gastprofessor, und hat unter anderem in der Nachfolge von Größen wie John Cage und Mauricio Kagel den Karl-Sczuka-Preis bekommen. Nein, sagt er, mit Nostalgie habe das nichts zu, wenn er hier durch die Ausstellung gehe. Er mache ja im Grunde heute noch dasselbe wie damals. Hörspiele in Gebärdensprache etwa, auch ist er Experte für Island samt dessen Elfen. Um große Reichtümer jedenfalls sei es ihm noch nie gegangen.

Auch Jochen Arbeit hat sich vor 30 Jahren nicht vorstellen können, mit seiner Musik mal Geld zu verdienen. Er hat früher mit „Die Haut“ gespielt und ist in den Neunzigern bei den „Neubauten“ als Gitarrist eingestiegen. Da war die Band längst im Feuilleton angekommen. Natürlich, sagt er, das Schlagzeug aus Schrott war damals auch aus der Not geboren. Die Band hatte einfach kein Geld. Aber es sei eben auch um den Klang gegangen, und daran habe sich bisher nichts geändert. Die alte Bassfeder etwa kommt heute noch in der „Neubauten“-Musik zum Einsatz. Als die Ausstellung daher im australischen Melbourne zu sehen war und man ihn quasi als Zeitzeugen einlud, kam er mit seiner Band, die er neben den „Neubauten“ betreibt. „Nur als Märchenonkel, das hätte ich nicht gemacht.“

Inzwischen ist die Zeit der „Genialen Dilletanten“ eine Generation her und längst gut ausgeleuchtet. Wolfgang Müller etwa hat mit „Subkultur Westberlin“ ein schönes Buch darüber geschrieben, Jürgen Teipel mit „Verschwende deine Jugend“ einen Gesprächsband veröffentlicht, zuletzt lief „B-Movie“ in den Kinos. Und für Blixa Bargeld gilt vermutlich noch immer, was er 1982 in dem von Müller herausgegebenem Band „Geniale Dilletanten“ geschrieben hat: „Wir machen keine Fehler mehr, wir werden nichts bei geschlossenem Fenster wiederholen, schrei dich zu Tode. Das ist wichtig.“

Dilletanten in Hamburg
„Geniale Dilletanten“ heißt die gestern eröffnete Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Sie läuft bis zum 30. April. Die Tournee-Schau des Goethe-Instituts war schon in Minsk, Nowosibirsk, München und Melbourne zu sehen. Kuratorin ist Mathilde Weh vom Goethe-Institut, die Hamburger Station hat Dennis Conrad aufbereitet. Hamburg war damals eines der Zentren der Musik, zur Ausstellung gehört daher auch ein interaktiver Stadtplan mit den damaligen Schauplätzen. Öffnungszeiten: Di bis So 10 — 18 Uhr, Do 10 — 21 Uhr. Eintritt: zwölf Euro, ermäßigt acht.

Peter Intelmann

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