Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 8 ° Regen

Navigation:
Ausflug ins Herz der Finsternis

Lübeck Ausflug ins Herz der Finsternis

„Die Toten“: Christian Kracht legt seinen ersten Roman seit dem Skandal um „Imperium“ vor.

Voriger Artikel
Spannender Krimi aus der Franco-Zeit
Nächster Artikel
Singen im Integrationswald

Schriftsteller Christian Kracht bleibt mit „Die Toten“ seinem Stil treu.

Quelle: dpa

Lübeck. Mit wohligem Schauder blickt die Buchwelt auf den neuen Roman von Christian Kracht „Die Toten“.

LN-Bild

„Die Toten“: Christian Kracht legt seinen ersten Roman seit dem Skandal um „Imperium“ vor.

Zur Bildergalerie

Wird es wieder einen Skandal geben wie beim Vorgänger „Imperium“ im Jahr 2012? Der „Spiegel“ hatte dem Autor des historisierenden Kolonialistenromans damals eine „rassistische Weltsicht“ attestiert und damit eine Debatte über die Grenzen der Literaturkritik ausgelöst.

Eine gewisse Faszination fürs Totalitäre und die deutsche Vergangenheit zieht sich durch Krachts Werk, schon in seinem Debüt „Faserland“ (1995) machte sich der junge Icherzähler einen Heidenspaß

daraus, jeden zweiten Deutschen als Nazi zu bezeichnen. Auch in seinem jüngsten Werk unternimmt Kracht einen Ausflug ins Herz der Finsternis. Die Geschichte spielt 1933, in jenem Jahr, in dem die Goldenen Zwanziger noch nachklingen und die Moderne in die Kunst einzieht, doch der Horror des anbrechenden Nazi-Regimes sich ankündigt. Der Autor malt dieses morbide Zwischenreich mit einem Pathos wie aus einer Wagneroper lustvoll aus.

Ein Zwischenreich der anderen Art bewohnen Krachts Protagonisten, denen der Titel gewidmet ist. „Die Toten“ sind Regisseure, Schauspielerinnen und Drehbuchschreiber. Sie fristen ihr Dasein im „Totenreich, jener Zwischenwelt, in der Traum, Film und Erinnerung sich gegenseitig heimsuchen“. Durch die Kamera lässt er seine Figuren auf das Weltgeschehen blicken, hält es so auf Distanz und somit den Vorwurf von sich fern, selbst im Bann des Bösen zu stehen, und auch Leni Riefenstahl taucht mehrfach im Roman auf.

Kracht beschreibt eine Allianz von Japan und Deutschland gegen den „US-amerikanischen Kulturimperialismus“. Eine der zwei Hauptfiguren ist der japanische Kulturbeamte Masahiko Amakasus, der mit Gedichten Heinrich Heines aufgewachsen ist. Er engagiert den Regisseur Emil Nägeli. Dieser plant einen Gruselfilm als „Allegorie des kommenden Grauens“ und geht dafür einen faustischen Pakt mit dem linientreuen UFA-Chef ein. Im Laufe des Romans wird Nägeli von seiner Geliebten verlassen und daraufhin durch die japanische Ödnis streifen.

Kracht beweist sich erneut als Meister der Metaebene und der kulturellen Anspielungen. Sein Buch verweist auf das japanische No-Theater und lässt die Kritiker Siegfried Kracauer und Lotte Eisner sowie den Regisseur Fritz Lang auf ihrer Flucht aus Deutschland im Zug nach Paris sich betrinken. Weitere Zeitgenossen treten auf, wie Charlie Chaplin, der, wie von Kracht geschildert, tatsächlich 1932 einem Attentatsversuch in Japan entging. Im Roman wird Chaplin überraschend zum Mörder.

Von Krachts Anfängen als Popliterat ist kaum mehr etwas zu spüren. Dennoch lässt sich eine Verbindung ziehen: Der Erzähler aus „Faserland“, der deutsche Romantiker Engelhardt aus „Imperium“ und die Toten: Sie alle sind Flüchtende, besessen von dem naiven Glauben, anderswo wäre es besser.

Nina May

„Die Toten“ von Christian Kracht, Kiepenheuer & Witsch, 212 Seiten, 20 Euro.

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden