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Ausgeliefert im Wartesaal

Hamburg Ausgeliefert im Wartesaal

Neue Ausstellung der Lübecker Künstlerin Ute Friederike Jürß im Hamburger Barlach Haus.

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„Was weiß ich über diese Menschen?“: Szene aus der Video–Installation „Die Zeit hält den Atem an“.

Quelle: Fotos: Ernst Barlach Haus, Wolfgang Maxwitat, Dpa

Hamburg. 60 Menschen sitzen in einer Turnhalle, Männer und Frauen, Alte und Junge. Sie sind in graue Wolldecken gehüllt, die immer schon nach Notlage aussehen und nach Dingen, die aus den Fugen geraten sind. Es ist still, niemand sagt ein Wort. Und niemand schaut den anderen an. Man erschrickt fast, als ein Mädchen direkt in die Kamera blickt.

Haus im Park

Von Sonntag (22. Januar) bis zum 19. Februar ist die Ausstellung „Die Zeit hält den Atem an“ im Hamburger Ernst Barlach Haus (Baron-Voght-Straße 50a) zu sehen. Das Haus im Jenischpark hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

„Die Zeit hält den Atem an“ heißt die Video-Installation von Ute Friederike Jürß, und zu sehen ist sie ab morgen im Hamburger Ernst Barlach Haus. Es ist eine ältere Arbeit der Lübecker Künstlerin, sie stammt aus dem Jahr 2005. Aber sie hat die Bilder vorweggenommen, die spätestens zehn Jahre später in unsere Wohnzimmer spülten und gekommen waren, um zu bleiben. „Der Flüchtling“ heißt denn auch eine Bronzefigur Ernst Barlachs von 1920, die einen auf dem Weg zur Installation empfängt.

Ute Friederike Jürß ist gebürtige Wiesbadenerin, hat lange in New York gelebt und ist seit 1999 in Lübeck zu Haus. Studiert hat sie bei dem Objektkünstler und Eat-ArtErfinder Daniel Spoerri in München. Sie hat unter anderem mit Ernst Jandl und dem Fluxus-Künstler Al Hansen gearbeitet, diverse Lehraufträge und Stipendien erhalten und befasst sich mit Fotografie, Video- und Audiokunst. Im Barlach Haus ist neben der Turnhallen-Installation mit „Der Denunziant“ von 2008 noch eine zweite große Video-Projektion zu sehen. Und im Atrium wartet eine Audio-Arbeit, die sie mit dem Kieler Schriftsteller Feridun Zaimoglu im vergangenen Jahr gefertigt hat.

Die 60 Menschen in der Turnhalle sind eine Gruppe, sitzen aber weit genug auseinander, um sie auch als Einzelne wahrzunehmen. Sie werden von Kameras umkreist, und deren Bilder zeigen Regungslose und Ergebene, Menschen in einem trostlosen Wartesaal, die in fremder Hand zu sein scheinen. Man betrachtet sie mit einem Blick von außen, und es ist diese „Opferperspektive“, die sie deutlich machen wollte, sagt die Künstlerin. „Was weiß ich über diese Menschen?“, fragt sie und wirft ein Licht darauf, dass unsere Informationen über die Ausgelieferten allenfalls bruchstückhaft und in der Regel medial vermittelt sind.

In den Raum vor der Installation hat sie drei Kohle- und Federzeichnungen von Ernst Barlach gehängt, die in einem Bezug stehen zum Video. In einem Gang begegnet man zwei Barlach’schen Porzellan-Skulpturen, die das Gleiche tun. Sie sei „überzeugt“ von seiner Arbeit, sagt Jürß. Sie schätze vor allem seine „Durchlässigkeit und Brüchigkeit“.

Brüchigkeit und Zweifel werden auch in ihrer zweiten Video-Arbeit deutlich. Zu sehen sind 14 Männer, Anzugträger mit Cocktailgläsern beim Smalltalk. Zwei Kameras fahren eine Stunde lang um sie herum.

Manchmal gefriert das Bild kurz und lässt ein schwarzweißes Foto stehen, dann geht es weiter. Sie hat der Installation den Titel „Der Denunziant“ gegeben, und es dauert nicht lang, dann ist man ihm auf der Spur. Aber dann ist es schon passiert. Dann ist man in die Falle gegangen und folgt einem Generalverdacht, der einem aber nur von vielleicht interessierter Seite eingeflüstert wurde. „So schnell kann es gehen“, sagt die Künstlerin. Ja, so schnell kann es gehen. Und dass die Situation der Flüchtlinge und die der Smalltalker nah beieinander liegen, sagt sie auch.

„Pause oder Geschichten, über die man nicht spricht“ ist der Titel der Audio-Installation. Jürß und Zaimoglu haben sich lange über Pausen Gedanken gemacht, dann hat der Kieler Autor drei etwa zweiminütige Miniaturen geschrieben und gesprochen, die man sich über Kopfhörer anhören kann. Es sind beiläufige Geschichten, vorderhand. Aber sie sind eindrücklich dargeboten und entfalten erst unterwegs ihre Kraft.

Zaimoglu erzählt etwa von einer Frau, die „auf der Badezimmerschwelle“ steht, fünf Minuten lang, sich „die Tuschebröckchen von den Wimpern“ streicht, und dann empfängt die Hure ihren ersten Freier.

In einer anderen Geschichte ist von einem Studenten die Rede und davon, dass das Viertel kippt. „Ein Geist hat seinen Wohnsitz hinter seinen Augen“ hört man, „ich beiße deiner Seele die Füße ab“, und in der Mitte des Raumes blickt Barlachs bronzener „Sterndeuter II“ in den Himmel.

 Peter Intelmann

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