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Außerhalb jeder Norm

Cismar Außerhalb jeder Norm

Die 1973 verstorbene Dichterin Christine Lavant hat ihr Lebensdrama in Poesie verwandelt. Eine Entdeckung.

Cismar. Cismar. „Da ist ein langer Gang. Und er hat weißgestrichene Türen rechts und links – viele weißgestrichene Türen. Oben, ganz hoch oben, wo vielleicht schon der Rand vom Himmel anfängt und wo man auch mit ganz weit aufgerissenen Augen nicht hinaufsieht, ist etwas Schwarzes. Was dieses Schwarze ist, wird man vielleicht einmal wissen, wenn man tot ist, weil dann weiß

 

LN-Bild

„Wenn nicht Himmel, dann ordentlich Hölle“: Als Leidensfrau wurde sie lange verkannt – nun wird die österreichische Dichterin Christine Lavant wieder entdeckt und neu verlegt.

Quelle: Foto: Wallstein

man alles.“

Christine Lavant erinnert sich in ihrer Erzählung „Das Kind“ an diesen Krankenhausflur. Kein Wunder, sie kannte solche Flure nur zu gut. Ein Wunder allerdings ist, dass die zeitlebens kranke Frau überhaupt die Kraft hatte, zu schreiben. Am 4. Juli 1915 wurde sie als neuntes Kind eines bettelarmen Bergarbeiters und einer Flickschneiderin im Kärntner Lavant-Tal geboren (nach dem Fluss benannte sie sich später). Schon als Säugling hatte Christine Skrofulose: ihre Haut war wund. Mit drei Jahren kam eine Lungenentzündung hinzu, beim Krankenhausaufenthalt 1919 wurde sie für nicht mehr lebensfähig befunden. Die Leidensliste setzt sich fort bis zu ihrem Tod 1973: Lungentuberkulose, Depressionen, weitgehende Ertaubung und Erblindung, Nervenleiden.

Weder einen Schulabschluss noch eine Berufsausbildung hatte das Mädchen, es wohnte zunächst bei den Eltern und heiratete später einen verarmten, 36 Jahre älteren Maler. Anfang der 1930er Jahre begann sie zu schreiben – sicherlich als geistige Flucht aus ihrem trostlosen Dasein. Allerdings vernichtete sie 1932 alles, nachdem ihr erster Roman vom Verlag abgelehnt worden war. Sie ließ sich in eine Nervenheilanstalt einweisen und analysierte diesen Selbstversuch in „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“. Nach intensiver Rilke-Lektüre begann sie ab 1945 wieder Gedichte zu schreiben. In einem Jahrzehnt entstand ihr Hauptwerk, insgesamt schrieb sie mehr als 1700 Gedichte und 1200 Seiten Prosa.

Wie muss man sich eine so leidende, ausgemergelte Außenseiterin als Lyrikerin vorstellen? Auf keinen Fall: larmoyant. Zwar klagt sie in vielen Gedichten Gott und ihr Schicksal an, schreibt über verletzte Kinder- und Frauenseelen, doch ihre Verse sind immer kraftvoll. Mal lakonisch, mal wütend, voller Sprachwitz und origineller Wortschöpfungen. Sie konnte komisch sein und erotisch (ihre Liebe zu einem verheirateten Mann blieb jedoch unerfüllt).

Lavants literarisches Werk wurde bereits zu ihren Lebzeiten mit dem Österreichischen Staatspreis für Literatur und zweimal mit dem Georg-Trakl- Preis für Lyrik gewürdigt. Thomas Bernhard war ein großer Fan von ihr: „Die Lavant war eine völlig ungeistige, sehr gescheite, durchtriebene.“ Er gab 1987 eine Auswahl ihrer Gedichte in der Bibliothek Suhrkamp heraus. Nun ist es das Verdienst des Wallstein-Verlags, dass Christine Lavant aus dem Vergessen geholt wird – seit 2012 erscheinen dort ihre Werke. Gerade sind fast 500, größtenteils unbekannte, Gedichte aus ihrem Nachlass veröffentlicht worden. Eine Entdeckung auch für den Verein Literatur im Weißen Haus in Cismar, dort wird morgen die Schauspielerin Jule Nero aus den Gedichten lesen. Thorsten Ahrend, Lektor bei Wallstein, bringt den Besuchern die Lyrikerin Lavant näher, die über sich selbst schrieb: „Ich bin eben halt ein Kuriosum und meine geistige Situation liegt außerhalb jeder Norm, und so ist es schwer begreiflich, dass ich selbst nur mittels Mystik und Humor manchmal einen blitzartigen Überblick bekomme.“

Lesung: morgen, 19.30 Uhr, Weißes Haus, am Kloster Cismar

Buch: Christine Lavant, Gedichte aus dem Nachlass, herausgegeben von Doris Moser und Fabjan Hafner, Wallstein, 654 Seiten, 38,80 Euro

Es regnet voller Zuversicht wohl schon den neunten Tag, die Mittagszeit hat kein Gesicht, nur noch den Stundenschlag.

Die Sonne hängt vielleicht verkauft in einer andern Welt, wo sie sich wild die Strahlen rauft und ihre Stirn zerschellt.

Ich frag mein Herz, das Stundenglas, wie lang die Welt noch steht, es zittert wie ein Schmelchengras und hat sich umgedreht.

Wer ist an diesem

Unglück schuld?

Ich sag den Namen nicht.

Schon halb ertränkt,

doch voll Geduld,

blüht das Vergissmeinnicht.

Gedicht von Christine Lavant

Petra Haase

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