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Kultur im Norden Grass in Farbe
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17:57 15.10.2018
„Eine der ganz wichtigen Personen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe“: der ehemalige „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert über seinen Freund Günter Grass. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

In den Fünfzigerjahren tat sich was bei Günter Grass. Er legte den Farbkasten beiseite und arbeitete fortan in Schwarzweiß. Und er begann mehr und mehr zu schreiben. Etwa vierzig Jahre und einigen Weltruhm später holte er den Farbkasten wieder hervor. Das Ergebnis ist jetzt im Lübecker Grass-Haus zu sehen: „Grass in Farbe“ – 80 Aquarelle aus sechs Jahrzehnten.

Grass hatte in Düsseldorf Steinmetz gelernt, dann dort 1948 an der Kunstakademie ein Studium begonnen und es in Berlin fortgesetzt. Düsseldorf und Berlin, das waren zwei Brennpunkte der deutschen Nachkriegskunst, und zwei unterschiedliche Schulen waren es auch. Das findet sich in Grass’ Arbeiten wieder, im Wechsel vom Konkreten zum Abstrakten, im Einfluss des Kubismus, in anderen künstlerischen Anlehnungen.

Ausstellung läuft bis Februar

Am Dienstag, 16. Oktober, wird„Grass in Farbe“eröffnet. Bis zum 3. Februar nächsten Jahres werden Landschaften, Porträts, Studien, Zusammenspiele von Bild und Text, Fundsachen für Nichtleser gezeigt. Wichtig sei der „Werkstattcharakter“ der Ausstellung, sagt Grass-Haus-Leiter Jörg-Philipp Thomsa. Man habe bei den in Petersburger Hängung präsentierten Bildern denn auch auf Titelangaben verzichtet.

Zum Begleitprogrammgehören Kurzführungen (u. a. am 21. und 28. Oktober), Aquarellkurse und Workshops sowie Angebote für Kinder. Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr (ab Januar von 11 bis 17 Uhr).

Wichtig sei, dass es sich bei den Bildern nicht um Illustration, sondern um „eigenständige Kunst“ handelt, sagte der Kunsthistoriker und Kurator Jürgen Fitschen, der Grass noch aus seiner Zeit als Direktor des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums auf Schloss Gottorf kennt. Und es sei bemerkenwert, wie sich manche Motive wie Federn, Unken oder Fische durch Bilder und Bücher gleichermaßen ziehen. Zudem falle ein schon früh ausgeprägter Farbkanon auf. Grass’ Wandel von der Farbe zu Schwarzweiß in den 50er Jahren habe auch mit dem damaligen Boom der Druckgrafik in Deutschland zu tun. Die Rückkehr zur Farbmalerei ab 1995 könne an den teils vernichtenden Kritiken und tiefen Verletzungen wegen seines Wenderomans „Ein weites Feld“ liegen, „wir wissen es nicht genau“. Überhaupt sei dieser Bereich wenig erschlossen in Grass’ Werk und die Ausstellung daher ein „Auftakt“.

Einer, der Grass auch schon länger kennt, ist Ulrich Wickert. 1979 in Peking sind sie sich begegnet, als der Journalist und spätere „Tagesthemen“-Moderator dort seinen Vater besuchte, den Botschafter Erwin Wickert, der Ute und Günter Grass eingeladen hatte. Wickert begleitete den Dichter auf dessen Stationen in China, drehte mit einer vom Vater besorgten Genehmigung Beiträge für die „Tagesthemen“ und „Titel, Thesen, Temperamente“ – es war der Beginn einer langen Freundschaft. Am Montag stand er mit dem Kurator Jürgen Fitschen für einen 20- bis 30-minütigen Film vor der Kamera, der in der Ausstellung zu sehen sein wird.

Wickert erzählte bei einer Vorbesichtigung der Bilder vom schnarchenden Günter Grass in der Peking-Oper, weil es vorher beim Essen ein paar Schnäpse zu viel gegeben hatte. Von Besuchen bei Grass in Wewelsfleth und Behlendorf erzählte er, im Dichterhaus auf der dänischen Insel Møn, von Gegenbesuchen in Hamburg. Wickert ist verantwortlich dafür, dass bei Grass nicht auf der Rhône gerudert wird, weil dort die Strömung zu stark ist, was der Dichter nicht wusste. Er hatte sich schon eine „Butt-Grafik gekauft, bevor Grass ihm eine schenkte. Er lernte durch ihn Menschen wie John Irving kennen, er verhalf Grass zu einem „wunderbaren Buch“ mit dessen Arbeiten auf edlem Papier und mit integrierter Aalhaut. Wickert besitzt eine Erstausgabe der „Blechtrommel“, sie haben sich Paris und New York getroffen, und als Grass 2006 seine Vergangenheit in der Waffen-SS öffentlich machte, setzte er sich mit Wickert für ein Interview vor die Kamera. War Grass nervös? „Ich war viel nervöser“, sagt der Fernsehmann. „Es war ein Seiltanz“ – hier der Freund, dort der Journalist.

Wickert ist ein langjähriger Freund des Grass-Hauses. Er hat mit Heinrich Bölls Sohn René schon einen ähnlichen Film wie jetzt für die Aquarell-Ausstellung gedreht. Er hat im Lübecker Theater eine Diskussion mit Grass und dem ehemaligen israelischen Botschafter Avi Primor nach Grass’ umstrittenen Israel-Gedicht moderiert. Und er hat viel von dem Freund gelernt: „Er ist für mich eine der ganz wichtigen Personen gewesen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe“, hat er mal gesagt.

Die Aquarelle in der Ausstellung sind nicht die einzigen, die Grass gemalt hat. Allein das Grass-Haus verfügt über 480 Stück. Aber unter ihnen sind auch einige, die lange als verschollen galten. Grass hatte sie in einem Verschlag unter einer Treppe bei seiner Düsseldorfer Wohnung zurückgelassen, als er nach Berlin zog. Und er war umso überraschter, als eines Tages ein Mann namens Ekkehard Pelliccioni bei ihm in Behlendorf auftauchte und sie ihm übergab. In der Ausstellung sind auch Mal-Utensilien zu sehen, mit denen Grass sich ans Aquarellieren machte: Pinsel, Farbkasten, Flaschen, Dreibeinhocker, Lederrucksack. Das alles ist auch auf einem großen Bild an der Wand zu finden, das Grass bei der Arbeit im Wald zeigt. Nur der Hund darauf, der fehlt.

Peter Intelmann

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