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Kultur im Norden Von Bienenkörben und Windeln
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19:08 03.09.2018
Doppelter See-Blick am Ratzeburger See: Installation von Christian Egelhaaf im Domhof. Quelle: Petra Haase
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Ratzeburg

Schon auf dem Weg zum Kreismuseum muss man immer wieder stehenbleiben und schauen. Die großformatige, transparente Fotoleinwand von Christian Egelhaaf versperrt den Blick auf den Ratzeburger See. Er hat dafür ein Foto von Menschen am Strand mit einer Aufnahme aus dem Keller des St. Annen Museums während einer Videoprojektion kombiniert – ein vielschichtiges Bild, das sich je nach Tageszeit und Wetter verändert. Landschaft als Identität.

Unter den Linden im Domhof schimmern drei Objekte aus Stahl-Blech-Dreiecken, kongruent miteinander verbunden. Identisch, aber doch individuell gefaltet. Stine Albrecht aus dem mecklenburgischen Poseritz interpretiert auf diese Weise das Thema Identität. Die gestapelten Bienenkörbe von Heidemarie Ehlke erinnern auch an Sanduhren, „die uns vielleicht den Wettlauf mit der Zeit vor Augen führen zwischen Bienensterben und ihrer Rettung“, sagt die Möllnerin. Vielfältig, spannend und oft originell sind die Ansätze, die die Künstler zum großen philosophischen Thema gefunden haben.

Von Sokrates zum Achselhaar

„Identität: Wer sind wir? Wo wollen wir hin?“ ist die dritte thematische und grenzübergreifende Gemeinschaftsausstellung des Lauenburgischen Kunstvereins, die sehr unterschiedliche Sichtweisen zusammenführt und von hoher Aktualität geprägt ist wie bei der Eröffnung am Sonntag immer wieder betont wurde. Über die Schwierigkeit, den Begriff ,Identität’ zu definieren, referierte Augustin Noffke, Betreiber der Ratzeburger Galerie AC Noffke, gewohnt launig, pointiert und mit Erkenntnisgewinn, wobei seine Gedanken mühelos von Sokrates zu Achselhaaren, Smartphones und Brustwarzen sprangen und elegant bei Japanern landeten, die keine eigene Ich-Identität entwickeln würden, sondern als „Es’“in die Gesellschaft eingingen.

Aus kompostierbaren Windeln, die Ayumi Matsuzaka entwickelt hat und in Ratzeburg zeigt, sollen später Bäume wachsen. Quelle: Petra Haase

Das bestätigt Ayumi Matsuzaka. Sie ist 2006 aus Japan nach Deutschland gekommen, hat in Weimar Kunst studiert und sorgt mit ihrem „Windel-Projekt“ für großes Interesse der Besucher. Nicht nur als Kunstobjekt, sondern als Prototyp für die Produktion hat sie kompostierbare Windeln entwickelt. Ein Symbol für den Kreislauf des Lebens: „Mutter – Milch – Baby – Ausscheidung – Boden – Obstbäume – Früchte – Mutter – Milch.“ Und so hat sie neben den Windeln auch ein kleines Apfelbäumchen ins Kreismuseum gestellt.

Gleich am Eingang ziehen die großen Stelen der Ratzeburger Künstlerin Regine Bonke die Blicke auf sich. Die Klarheit und Einfachheit der Form setzt sie seit vielen Jahren der Verwirrung und dem alltäglichen Chaos entgegen. Miro Zara aus dem mecklenburgischen Plüschow hat sich mit nationaler Identität auseinandergesetzt. An der Wand des Nebengebäudes des Kreismuseums prangt auf einer großen Leinwand das Foto einer Pegida-Demo und einer Gegendemonstration von 2017. Dazu stellt sie das Schiller-Zitat: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens. Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“ „Ich möchte damit keinen belehren, sondern zum Nachdenken anregen“, sagt Miro Zara, für die die nationale Identität auch eine persönliche Angelegenheit ist. Sie ist in Prag geboren, hat in Berlin studiert und lebt seit langem in Mecklenburg. Wie würde sie ihre Identität beschreiben? „Weltbürger.“

Geöffnet bis 9. November

Die Ausstellung wird begleitet von zahlreichen Veranstaltungen.

Sonntag, 30. September, 11 Uhr, Führung durch die Ausstellung mit Annette Leyener, Hochschule Wismar

Sonnabend, 6. Oktober, 10-16 Uhr Seminar im Grenzhus Schlagsdorf, Neubauernweg 1, zum Thema „Gibt es eine regionale Identität in der Schaalseeregion?“

Mittwoch, 24. Oktober, 19.30 Uhr, ehemalige Raiffeisen Hauptgenossenschaft, Mustin, Schweriner Str. 8, „Die Agrarwende selber machen“, Vortrag von Malte Bombien oder Ulf Schönheim

Dienstag, 6. November, 18.30 Uhr, „Die Slow Food Story“, Dokumentarfilm von Stefano Sardo,

Freitag, 9. November, 19 Uhr, Kreismuseum: „9. November – Der ‚Heimliche-Unheimliche‘ Nationalfeiertag der Deutschen“, Vortrag von William Boehart.

Kreismuseum Ratzeburg, Domhof 12, geöffnet täglich außer montags 10-13 und 14-17 Uhr. Tickets: Erwachsene 3, Schüler: 1 Euro, Familienkarte (2 Erwachsene und Kinder) 6 Euro

Petra Haase

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