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Autoren bestürmen die Kanzlerin

Berlin Autoren bestürmen die Kanzlerin

Protest gegen NSA-Affäre: Schriftsteller ziehen unter Führung von Juli Zeh vor das Berliner Kanzleramt.

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Juli Zeh (M.), Akademie-Präsident Klaus Staeck (2.v.r.) und ihre Mitstreiter pochen mit ihrer Petition an Angela Merkels Tor.

Quelle: Foto: dpa

Berlin. „No, you can‘t" steht auf einem Dutzend Pappkartons, die sich vor dem Bundeskanzleramt stapeln. Darin befinden sich Blätter mit den Unterschriften unter eine Petition, die sich gegen das zurückhaltende Agieren von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der NSA-Affäre wendet. Fast 68 000 Menschen sind seit Juli dem Aufruf der Schriftstellerin, Juristin und diesjährigen Thomas- Mann-Preisträgerin Juli Zeh („Adler und Engel", „Spieltrieb") gefolgt.

Gemeinsam mit Buchpreisträgerin Julia Franck („Die Mittagsfrau"), Ingo Schulze, Ulrike Draesner („Vorliebe") und weiteren Schriftstellerkollegen verlas sie gestern im Chor den offenen Brief an die Kanzlerin. Darin ist von einem „historischen Angriff auf unseren demokratischen Rechtsstaat“ die Rede, der „Umkehrung des Prinzips der Unschuldsvermutung hin zu einem millionenfachen Generalverdacht“. Die Unterzeichner fordern Merkel auf, das Thema nicht länger auszusitzen. Die Überwachung der Bürger durch den US-Geheimdienst sei offenbar von der deutschen Regierung gewollt, heißt es weiter.

Zu den Erstunterzeichnern gehören prominente Schriftsteller und Regisseure wie Ilija Trojanow, Eva Menasse, Moritz Rinke, Sten Nadolny, Andres Veiel, Feridun Zaimoglu und Falk Richter. Juli Zeh sprach im Vorfeld der Aktion von einer „Repolitisierung der intellektuellen Klasse“. Während Günter Grass, Wahlkampftrommler früherer Tage, seinen jüngeren Kollegen gerne das politische Engagement abspricht, liefert die NSA-Affäre offenbar genug Zündstoff für einen intellektuellen Schulterschluss. Ingo Schulze erklärte gestern gegenüber den LN: „Wir können uns über politische Lager hinweg verständigen, dass wir diese Sprachlosigkeit der Regierung nicht länger hinnehmen wollen und Antworten fordern. Wenn man an Demokratie glaubt, kann man gar nicht anders, als sich dieser Petition anzuschließen.“

Ein Großteil der Bevölkerung scheint die Bespitzelung jedoch nicht weiter tragisch zu finden. Wer nichts zu verbergen hat, habe auch nichts zu befürchten, lautet die oft zitierte These. Zeh dreht die Argumentation um: Die Fähigkeit, Geheimnisse zu haben, und das Bewusstsein für eine Privatsphäre mache den Menschen erst aus, sagte sie am Rande der Aktion. Die immer neuen Enthüllungen in der Überwachungsaffäre kommentierte sie mit den Worten: „Was muss noch geschehen, damit die Menschen sich aufregen? Reicht es nicht, dass die NSA unsere Bankkonten ausspioniert? Muss da jemand im Keller sitzen und den Stromzähler ablesen?“ Zeh hatte sich ursprünglich einen runden Tisch zum Thema gewünscht.

Angela Merkel wollte die Unterschriften nicht persönlich entgegen nehmen und schickte auch keinen Vertreter. Die Autoren durften die Unterschriftenlisten lediglich im Bundespresseamt abgeben.

Nina May

• Petition im Internet: www.change.org

LN

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