Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Avantgarde auf dem Dorf

Schiphorst Avantgarde auf dem Dorf

Das Festival in Schiphorst zieht Leute aus aller Welt an, hat aber zu kämpfen und sortiert sich gerade neu.

Voriger Artikel
Passionsmusiken am Karfreitag
Nächster Artikel
Broadway-Tickets werden knapp

Jean-Hervé Péron (66) mit Tochter Jeanne-Marie Varain (25) auf dem Dachboden des alten Bauernhofes, wo während des Festivals auch Bands spielen.

Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen, Dpa

Schiphorst. Schiphorst. Es hat kein Festival gegeben im vorigen Jahr, und es wird keines geben in diesem. In der Region mag das nicht vielen auffallen, in der Republik aber und darüber hinaus wird man einen Termin im Kalender vermissen. Und diese Kalender hängen an Wänden in Europa, Australien oder den USA.

LN-Bild

Das Festival in Schiphorst zieht Leute aus aller Welt an, hat aber zu kämpfen und sortiert sich gerade neu.

Zur Bildergalerie

Das Avantgarde-Festival in Schiphorst im Lauenburgischen ist eine kleine, aber sehr feine Angelegenheit. Eine mit Tradition und von internationalem Ruf. Zu verdanken ist sie der Familie eines Mannes, der selbst zu den musikalischen Legenden zählt: Jean-Hervé Péron, gebürtiger Franzose, ein freundlicher Mann von 66 Jahren, das Haar inzwischen ins Graue gewechselt, aber immer noch lang, und überhaupt sitzt da jemand, der lieber nach vorn blickt als zurück.

Das hat er schon früher getan, Ende der Sechzigerjahre, als er zu den Gründern der Band Faust gehörte. Sie hatten nichts im Sinn mit den Dingen, die sich auf den großen Straßen abspielten. Sie bewegten sich auf den Nebenstrecken, auf den Schotterwegen. Und wo kein Weg war, schufen sie einen.

Faust waren laut und unruhig. Sie waren der Geist, der stets verneint. Sie waren in ihrem Element, wo es um kreative Zerstörung ging. Und sie setzten Maßstäbe. Wo die Einstürzenden Neubauten ab 1980 Bohrhämmer und Stahlfedern einsetzten, zerlegten sie schon Jahre vorher einen Betonklotz mit einem Pressluftmeißel auf der Bühne. Das große Publikum ließ sich so kaum erreichen, die Kritik aber war begeistert. Die britische Musikzeitschrift „Mojo“ etwa pendelte nach einem Konzert in London zwischen Schock und Faszination und schrieb von „Kunstterrorismus“. Da fügt es sich, dass Péron heute auch als „Art-Errorist“ aktiv ist.

Die Geschichte von Faust wurde wie bei so vielen Bands zu einer aus Brüchen, Pausen und Neuanfängen. Aber Faust hatten Einfluss, gerade auch international. Sie stehen neben deutschen Leuchttürmen wie Can, Neu! oder Kraftwerk, und es gibt sie immer noch. Und wenn sie wie derzeit durch 20 Städte in den Vereinigten Staaten touren, sind mit Péron und dem Schlagzeuger Werner „Zappi“ Diermaier zwei Leute aus der Originalbesetzung dabei.

Péron wohnt seit Mitte der Neunzigerjahre mit seiner Frau Carina Varain in Schiphorst, einem Dorf auf halbem Weg zwischen Ratzeburg und Bargteheide. Sie waren aus Hamburg gekommen, weil ihre Tochter Jeanne-Marie nicht in der Stadt aufwachsen sollte. In jener Zeit haben sie auch das erste Festival veranstaltet, damals noch ein Dorf weiter, in Mühlenbrook. Dann machten sie es ein zweites Mal, sie machten es bei sich zu Hause, einem großen Anwesen mitten im Ort, sie machten es im nächsten Jahr wieder, und irgendwann war das Festival etabliert.

Aber es war nie eines für die große Masse. Bei der letzten Auflage vor zwei Jahren zählte man etwa 500 Gäste, rund hundert Musiker und ein paar Dutzend Helfer inklusive. Die sahen an drei Tagen nationale und internationale Bands, die an die musikalischen Grenzen gingen und gern auch darüber hinaus. Viele Namen sind darunter, die nur Eingeweihten etwas sagen. Aber immer wieder tauchen auch Underground-Größen auf. Lydia Lunch etwa hat in Schiphorst gespielt, die Legendary Pink Dots, der frühere Can-Sänger Damo Suzuki und andere Krautrock-Pioniere wie Michael Rother, Dieter Moebius und Mani Neumeier.

Sie sind alle nicht reich geworden dabei. Oft genug haben sie nur ihre Kosten erstattet bekommen und sonst nicht viel. Manchmal gab es auch überhaupt keine Gage. Aber wie soll das auch gehen bei einem Festival, das vor allem privater Initiative zu verdanken ist, der Hilfe von Freunden, Nachbarn und anderen Geneigten. Das Lübecker Musikhaus Andresen etwa hat großzügig Instrumente bereitgestellt, es gab gelegentliche Zuschüsse von der Kreissparkassenstiftung Herzogtum Lauenburg oder vom Land. Aber meist haben sie bei einem Etat von durchschnittlich 50000 Euro ein paar tausend Euro aus eigener Tasche draufgezahlt. Und das kann man eben nicht unbegrenzt machen. Zumal ein solches Festival mindestens ein halbes Jahr Vorbereitung braucht, und zwar intensive Vorbereitung, und dann sind irgendwann die Grenzen erreicht.

Außerdem hat Jeanne-Marie im vorigen Jahr ihr Kunst-Diplom gemacht. Und weil sie schon das Festival 2014 fast allein kuratiert hatte und das auch künftig übernehmen will, fiel es aus. Aber sie haben 2017 im Blick, vielleicht in einem kleineren Rahmen, vielleicht nur zwei Tage, mit weniger Musik und mehr performativer Kunst, es ist derzeit alles etwas im Fluss.

Jeanne-Marie arbeitet mit zwei Freundinnen und Kolleginnen daran, den „Kern“ des Festivals herauszupräparieren, seinen Geist. Sie haben mit „AGF spirit“ ein Label dafür gegründet. Sie gucken sich um, sie halten die Augen offen, gerade auch jenseits der deutschen Grenzen. Und es ist ein gutes Gefühl, dass fast jeden Tag Bands in Schiphorst anrufen und fragen, ob sie beim Festival spielen können.

Fast 50 Jahre Faust

Faust haben sich Ende der Sechziger gegründet und waren eine der experimentellsten deutschen Rockgruppen. Nach Trennungen, Umbesetzungen und Todesfällen gibt es die Band heute immer noch, mit Jean-Hervé Péron und dem Schlagzeuger Zappi Diermaier nur noch zu zweit. Der in Süddeutschland lebende Keyboarder Joachim Irmler war ebenfalls mit dem Namen Faust unterwegs.

Man respektiere sich heute, sagt Péron, aber die Wunden sind tief. Mit „10“ gibt es auch eine neue Platte, in London aufgenommen, gemischt und gemastert. Aber wegen Differenzen mit dem Produzenten liegt sie erst mal auf Eis.

Von Peter Intelmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden