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Avi Avital und die sexy Saiten der Mandoline

Avi Avital und die sexy Saiten der Mandoline

Lübeck. Mandolinenlehrer, bitte nicht wundern, wenn die Kurse demnächst ausgebucht sind.

Lübeck. Mandolinenlehrer, bitte nicht wundern, wenn die Kurse demnächst ausgebucht sind. Schuld könnte der israelische Musiker Avi Avital sein, der dieses bauchige Saitenintrument, das bisher eher bärtige Männer in italienischen Touristenkneipen spielten, seit einigen Jahren sexy gemacht hat. Einen Drei-Tage-Bart trägt der 37-Jährige zwar auch, doch er adelt das vermeintlich altbackene Folklore-Instrument als Solostar der Klassik — was es im 17. und 18. Jahrhundert übrigens schon einmal war.

Mit der Magie der Mandoline berührte Avital am Donnerstag die Besucher im vollbesetzten Lübecker Dom. Das Schleswig-Holstein Musik Festival hatte als Intermezzo zwischen den Festspieljahren zur „Italienischen Weihnacht“ mit Avital und dem renommierten Kammerorchester „I Musici di Roma“ eingeladen. Dieses erste reine Solistenensemble ohne Dirigent holte in den 1950er Jahren Antonio Vivaldi aus der musikalischen Versenkung, und natürlich prägte die Musik des Venezianers das Konzert im Dom. Mitreißender italienischer Barock erfüllte die Backsteinkirche auch mit Werken von Giovanni Paisiello sowie Arcangelo Corelli und Pietro Locatelli, von denen auch zwei Weihnachtskonzerte auf dem Programm standen.

Die brillanten Kammermusiker aus Rom ließen die alten Werke mit hoher Präzision neu entstehen. Glanzpunkt war in den für Mandoline bearbeiteten Stücken aber zweifellos der Auftritt von Avi Avital. In schwarzem Anzug, offenem weißen Hemd und blanken Lackschuhen sitzt er lässig auf dem Hocker, flirtet mit dem Publikum, die Mimik wechselt von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt — und ganz nebenbei, scheint‘s, fliegen die Finger über die Saiten.

Avital zupft oder trillert, beugt sich dramatisch nach vorn oder hinten, treibt das Tempo rasant an oder lässt die Töne einzeln vom Podium hinein in den Kirchenraum perlen.

Virtuosität und Dynamik paaren sich bei ihm mit unübersehbarer Spiellust, und beides wirkt ansteckend auf die anderen Musiker und die Besucher. Sie bedanken sich mit großem Applaus — und nehmen am Ausgang CDs und Autogramme mit. Die Mandoline hat Lübeck erobert.

Petra Haase

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