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Kultur im Norden Barlachs Botschaften
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20:24 23.10.2013
Der gebeugte Mensch: Blick in die Ausstellung im Barlach-Museum Ratzeburg, in der Bildmitte die Plastik „Russische Bettlerin II“. Quelle: Lutz Roeßler

Der „Singende Mann“ sitzt wie zur Begrüßung am Anfang der Ausstellung. Ein alter Bekannter für die meisten Besucher und Besucherinnen. Die Schau „Ernst Barlach — Interventionen“ ermöglicht eine Begegnung mit Werken des Künstlers, die man kennt und wiedererkennt. Ihr Anliegen jedoch ist ein anderes. Die Ausstellung, die aus Anlass des 75. Todestages im Ernst-Barlach-Museum in Ratzeburg gezeigt wird, will vermitteln, dass Barlach nicht nur Bildhauer war, sondern auch Zeichner, Graphiker und Dramatiker.

Ernst Barlach, geboren am 2. Januar 1870 in Wedel, gestorben am 24. Oktober 1938 in Rostock, war ein norddeutscher Künstler. In dem Haus in Ratzeburg, das heute Museum ist und seinen Namen trägt, hat er einen Teil seiner Kindheit verbracht. Er hinterließ ein Werk von mehreren hundert Plastiken, Graphiken, Zeichnungen und Skizzen. Außerdem schrieb er Romane und Theaterstücke.

Für Barlach war Kunst „eine Sache allertiefster Menschlichkeit“. Er widmete sich Bettlern und Bauern, dem leidenden Menschen, Tod und Teufel — und Gott, der für ihn kein christlicher war, sondern der Sinngeber. „Interventionen“, der Titel der Ausstellung, soll das Werk des Künstlers und seine Absichten charakterisieren:

mitzubauen an einer besseren Welt.

„Er hat sich gegen gesellschaftliche Missstände, gegen einen hemmungslosen Materialismus und gegen Kälte in den zwischenmenschlichen Beziehungen aufgelehnt“, sagt Jürgen Doppelstein, Vorsitzender der Ernst-Barlach-Gesellschaft Hamburg. Die 1946 gegründete Gesellschaft betreut und erforscht das künstlerische und literarische Erbe Barlachs. Sie ist zudem Hausherrin der Ernst-Barlach-Museen in Ratzeburg und in Wedel.

Werden die Botschaften Barlachs heute noch verstanden? Dass Erläuterungen notwendig seien, werde bei Führungen für Schulklassen immer wieder deutlich, sagt Doppelstein. „Die Fragen, die Barlach beschäftigt haben, werden aber immer verstanden.“

Fast in Vergessenheit geraten ist das dramatische Werk Barlachs. Die Ausstellung will es wieder in Erinnerung rufen. Besucher werden unter anderem mit dem Drama „Der tote Tag“ bekanntgemacht. Das Stück handelt von den Emanzipationsbestrebungen eines jungen Mannes, vom Versuch, sich aus der Umklammerung der Mutter zu lösen. In einer Vitrine sind Szenenfotos zu sehen oder auch ein Heft, das darauf hindeutet, dass das Stück einst im Theater „Der Morgenstern“ in Grömitz aufgeführt wurde. Literatur hat es normalerweise nicht leicht, in einer Ausstellung vermittelt zu werden. Barlach selbst hat jedoch dafür gesorgt, dass es — auch ohne Theater — etwas zu sehen gibt, indem er Illustrationen schuf. 40 Lithographien zu „Der tote Tag“ werden in Ratzeburg gezeigt. Die in Schwarzweiß

gehaltenen Blätter zeigen eine düstere Lebenswelt des Sohnes, der sich mit Hilfe höchst lebendiger Geister zu befreien sucht.

Kontraste im Werk Barlachs zu zeigen ist ebenfalls ein Anliegen der Ausstellung. Hier geht es nicht ausschließlich um Qualen und Düsternis oder Kontemplation. Barlach hat beispielsweise auch Goethe-Gedichte illustriert, den „Zauberlehrling“ etwa. So gibt es auch Heiteres, Ironisches, Karikierendes zu entdecken.

Tröstendes von einem Mann, der von den Nazis verfemt wurde und der ab 1937 Ausstellungsverbot hatte. Seiner Biografie ist in der Ausstellung ein Extraraum gewidmet. Und an vielen Stellen der Schau sind seine Gedanken präsent, etwa dieser: „Das dunkle Tal, der Aufblick aus der Verzweiflung zum fernen Stern ist so voll innern Trostes, man darf nicht wünschen, dass irgend jemand, der innerer Erlebnisse fähig ist, dies erspart würde.“

Festakt und eine Andacht
Die Ausstellung „Ernst Barlach — Interventionen“ wird heute um 20 Uhr in der Stadtkirche Sankt Petri in Ratzeburg eröffnet. Es spricht Jürgen Doppelstein, Vorsitzender der Ernst-Barlach-Gesellschaft Hamburg. Zu sehen bis 24. November.


Ein Festakt zum 75. Todestag Ernst Barlachs findet am Sonnabend, 26. Oktober, ebenfalls in der Stadtkirche Sankt Petri in Ratzeburg statt. Beginn ist um 11 Uhr. Ministerpräsident Torsten Albig und Ratzeburgs Bürgermeister Rainer Voß werden Grußworte sprechen. Wolfgang Tarnowski hält den Festvortrag zum Thema „Tot sein ist recht gut! Ernst Barlachs bitterer Abschied von Heimat, Werk und Leben“. Um 15 Uhr gibt es eine Andacht an Barlachs Grab.


Friedrich Schorlemmer, Theologe und Bürgerrechtler, hält am Montag, 18. November, einen Vortrag mit dem Titel „Barlachs Lehrender Christus“. Beginn um 20 Uhr in der Stadtkirche St. Petri.


Ausstellung und Veranstaltungen werden von der Ernst-Barlach-Gesellschaft Hamburg, die auch das Ernst-Barlach-Museum in Wedel betreibt, und dem Förderverein des Barlach-Museums Ratzeburg organisiert.

„Hatte ich eigentlich Talent? Mein erster Zeichenlehrer in Hamburg riet mir beim Blick auf mein Zeichenbrett, nur gleich meine Mühe einzustellen, ich würde niemals was rechtes zustande bringen.“


Ernst Barlach

Liliane Jolitz

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