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Barockbau und moderne Kunst im Flirt

Pinneberg Barockbau und moderne Kunst im Flirt

Die Landdrostei in Pinneberg beherbergt die 62. Landesschau schleswig-holsteinischer Künstler.

Pinneberg. Keine Nägel in die Wände schlagen, nicht bohren, nichts auf den Holzfußboden kleben, keine Reißzwecken verwenden: Die Jahresschau 2015 des Berufsverbands Bildender Künstler Schleswig-Holstein (BBK) findet an einem Ort statt, der viel Rücksicht verlangt — in der Landdrostei in Pinneberg. Das herrschaftliche Barockgebäude, errichtet 1765-1767 als Amts- und Wohngebäude, ist heute Kulturzentrum — und das bedeutendste Baudenkmal im Kreis Pinneberg. Darauf ist die Landesschau zugeschnitten. Mit 83 Werken von 62 Künstlerinnen und Künstlern ist sie nicht nur deutlich kleiner als die Vorgängerinnen 2014 in Eutin (111/89) und Schloss Gottorf 2013 (134/108). Die Jury hat bei der Auswahl der Werke auch Rücksicht genommen auf die Besonderheiten des Ortes.

Bei einem Rundgang durch die Schau, die erstmals in Pinneberg stattfindet, zeigt sich schnell, dass sich zeitgenössische Kunst hervorragend nicht nur mit dem denkmalgeschützten Gebäude, sondern auch mit altem Mobiliar und historischen Öfen verträgt. 15 Arbeiten aus weißem Porzellan und Gips haben einen Ehrenplatz auf einem Klavier bekommen. Inken N. Woldsen hat sich auf besondere Art und Weise auf die Räume eingelassen. Statt Wandarbeiten einzureichen, hat sie ihre „Kunst, eingeweckt“ auf einem alten Ofen drapiert: In acht Gläsern, mit Stoff bedeckt und gut verschnürt, stecken Stoffstücke, die die Farbe rostiger Metallteile angenommen haben. Es handelt sich um Fundstücke aus Japan und aus Pinneberg, zum Beispiel Computerschrott. Woldsen sammelt solche Dinge und wickelt sie in Fetzen alter Bettlaken ein. „Die Laken müssen aus Baumwolle und möglichst oft gewaschen sein“, sagt sie, „dann nehmen sie die Farbe gut auf.“

In der Landdrostei finden häufiger Ausstellungen statt. Nägel oder Dübel sind deshalb nicht notwendig, um Bilder an die Wände zu hängen. Der Großteil der Exponate stammt aus der Abteilung Gemälde, Zeichnungen, Fotos. Auch einige Installationen, Objekte und zwei Videos sind zu sehen. Andreas Reinhardts „Tal des Jammerns“ zum Beispiel: Der Künstler lässt vier Männer über Kunst und andere wichtige Dinge sprechen, ihre Gesichter verschwimmen wie auch ihre Worte.

190 Künstler hatten insgesamt 487 Arbeiten eingereicht — deutlich mehr als in den Vorjahren. Erstmals mussten sie nicht Originale zur Jurysitzung schleppen, sondern konnten Mappen mit Fotos schicken.

Eine Erleichterung vor allem auch für ältere Mitglieder, wie die BBK-Landesvorsitzende Monika Rathlev unterstreicht.

Zur Ausstellung müssen dann aber doch die Originale herbeigeschafft werden. Regine Bonke aus Ratzeburg hat — wie immer — ihre Rauminstallation, neun gleich große Würfel, „Stapelstücke“, aus handgeschöpftem Papier auf Holz, Corten-Stahl und Plexi-Glas auch eigenhändig aufgebaut. Sie abzugeben bei der Hängekommission „mit dem Hinweis ,macht mal‘, geht leider nicht“, sagt sie. Ihr Quadrat aus neun Quadraten, eine der markantesten Arbeiten der Ausstellung, hat ihren Platz im Prachtsaal der Drostei.

Das Quadrat ist Bonkes Obsession, ihrem Ziel, die Welt quadratisch zu machen, ist sie nun wieder einen Schritt näher gekommen. Bonke arbeitet stets mit dem Raum, versucht, wenig zu tun, aber viel auszudrücken. „Mit geringen Mitteln an Farbe und Form baue ich Objekte von geistbestimmter Klarheit, von denen für mich eine große Kraft und Faszination ausgeht“, sagt sie. Diese Intensität der Erscheinung bewirke, „dass Werk und Ort in einen komplexen Dialog treten“.

Die Hängekommission war davon so beeindruckt, dass sie für den Raum Werke gewählt hat, die in ihrer Farbigkeit Bonkes Quadrat ähneln: Grau, Schwarz, Rostrot.

Sieben weitere Künstler aus der Region Lübeck sind neben Bonke an der Landesschau beteiligt: Michaela Bernig-Tournier, Wolfgang Blockus, Heinke Both, Christian Egelhaaf, Ulrich Heim, Germa Ohlhaver von Heydebreck und Rainer Wiedemann.

Wer sich auf den Weg nach Pinneberg macht, wird feststellen: Der Trend geht bei den Künstlern des Landes weiter zur Figürlichkeit. Weitere Tendenzen zu erkennen, wird Besuchern nicht leicht gemacht.

Denn weder gibt es in der Ausstellung Erläuterungen zu den beteiligten Künstlern und ihren Werken noch im Katalog.

Seit 60 Jahren tourt die Landesschau durch Schleswig-Holstein. Der Ort für 2016 steht schon fest: Kiel. Wann die Schau nach 2005 wieder einmal in Lübeck stattfinden wird, ist noch offen.

Eröffnung morgen um 11 Uhr durch Landeskulturministerin Anke Spoorendonk. Bis 14. Februar.

Liliane Jolitz

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