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Kultur im Norden Bayreuth ist politisch
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18:10 30.07.2018
Bayreuth

Das Publikum feiert die Inszenierung in einer Art, die ungewöhnlich ist auf dem Grünen Hügel: Trampeln, Bravo-Rufe, regelrechte Jubelschreie. Allerdings gibt es auch Buh-Rufe für den Intendanten der Komischen Oper Berlin, der als erster jüdischer Regisseur in die Festspiel-Geschichte eingehen dürfte. Die Personalie Kosky ist schon ein Politikum, doch auch inhaltlich bringt er Hochpolitisches auf die Bühne. Er stellt Wagners Antisemitismus in den Mittelpunkt und zeigt ein Plädoyer gegen Fremdenhass und für Toleranz.

Dabei fängt alles so kuschelig an: Der erste Aufzug spielt dort, wo Wagners „Wähnen Frieden fand“ – im Haus Wahnfried in Bayreuth. Bei Kosky ist Wagner mit seinem Alter Ego Hans Sachs (Michael Volle) aus den „Meistersängern“ identisch. Im Kreise seiner Liebsten zelebriert Wagner seine kleinen Macken. Eine Privatvorstellung wird auch vom jüdischen Kapellmeister Hermann Levi besucht, den Wagner verspottet, als er sich während der Messe nicht bekreuzigt.

Dass es Kosky nicht um die kleinen Macken des Meisters gehen soll, sondern um dessen ganz großen Makel, wird im zweiten Aufzug mehr als deutlich. Wahnfried verschwindet, stattdessen erheben sich die Wände des Nürnberger Gerichtssaals 600, dem Ort der großen Kriegsverbrecher-Prozesse nach dem Zweiten Weltkrieg. Dort wird der Jude Levi zu Beckmesser (Johannes Martin Kränzle), dem Juror im Sängerwettstreit. Für Kosky ist er die zentrale Figur in Wagners einziger komischen Oper. Als Beckmesser nach zahllosen Sticheleien von Sachs schließlich von einer Menschenmenge verprügelt wird, verpasst Kosky ihm die Maske eines Juden-Zerrbildes. Schließlich entfaltet sich neben ihm eine riesige, hakennasige Karikatur.

„Was ist nun dieses Nürnberg?“ Das sei seine zentrale Überlegung gewesen, schreibt Kosky im Programmheft. Seine Inszenierung hat er seit ihrer Premiere 2017 geändert. Nürnberg sei für Wagner eine Utopie gewesen, die er im Kleinen in der Villa Wahnfried gefunden habe. Für andere aber sei es der Ort der NS-Reichsparteitage.

Dass Beckmesser schließlich vom Volk aus der Stadt gejagt wird, weil er sich an deutschem Kulturgut schuldig gemacht und nicht gut genug gesungen hat, ist eine der wichtigsten Szenen in Koskys Inszenierung. Für ihn singt dann Walther von Stolzing (wie immer glockenhell und unangreifbar: Klaus Florian Vogt), ein christlicher Jüngling auf Freiersfüßen – und wird vom Volk gefeiert.

Philippe Jordan am Pult gibt dieser Interpretation und den Sängern viel Platz und erntet Applaus für sein eher zurückhaltendes Dirigat. Vogt und Kränzle werden zu Recht gefeiert, Emily Magge als Eva (und Cosima) zu Recht ein bisschen weniger. Unendlich groß ist der Jubel für Volle als Wagner/Sachs, der das insgesamt schon hervorragende Sänger-Ensemble mit seiner Präsenz und Stimmgewalt noch einmal um Längen überragt.

Ein jüdischer Regisseur inszeniert Hitlers Lieblingskomponisten Wagner auf dem Grünen Hügel – dort, wo der Diktator einst so willkommen war, dass er Onkel Wolf hieß. Plakativ könnte man es da nennen, dass Kosky sich ausgerechnet den Antisemitismus in Wagners Werk vorknöpft – oder folgerichtig und geboten. Schließlich schleichen sich Antisemitismus und Fremdenhass in Deutschland immer weiter in den politischen Mainstream. In Koskys Inszenierung hängt eine Uhr an der Wand des Nürnberger Gerichtssaals. Sie dreht sich erschreckend schnell rückwärts. Als sie schließlich stehen bleibt, ist es viertel vor zwölf.

Von Britta Schultejans

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