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„Beckett war totaler Fußball-Fan“

Lübeck „Beckett war totaler Fußball-Fan“

Nächste Woche startet die neue Bundesligasaison, die Autorin Dagrun Hintze wird dabei sein. Ein Gespräch über Fußball, Theater und Jürgen Klopps Drama-Potenzial.

Lübeck. Ist Fußball großes Theater?

 

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„Man kann anhand von Fußball fast alles besprechen, was auf der Welt wichtig ist“: Dagrun Hintze.

Quelle: Foto: M. Güntner

Dagrun Hintze: Aber ja. Man kann beim Fußball immer wieder das Dionysische, den Rausch und die Ekstase erleben, das überträgt sich selbst über den Fernseher. Wobei ich gestehen muss, dass ich gerade jetzt ganz schön abgetörnt bin, was das Drumherum angeht: 222 Millionen Euro Ablöse für Neymar, das ist nicht mehr großes Theater, sondern schlimmste Kapitalismus-Farce. Und nun braucht Barcelona einen Ersatz, Dembélé wird Dortmund also wohl verlassen, als BVB-Fan findet man das natürlich genauso grässlich wie die Tuchel-Kündigung in der letzten Saison. Und dann dieser aufgeblasene neue Spielplan mit Montagsspielen in der 1. Liga – ich finde das alles sehr, sehr unerfreulich.

Trotzdem sind die Stadien voll, und die Einschaltquoten stimmen. Da fragt sich, warum es so wenig Fußballstücke fürs Theater oder die Oper gibt.

Das ist nicht ganz einfach, den Fußball selbst bekommt man ja nicht so ohne weiteres auf die Bühne. Was in der nächsten Saison zum Beispiel häufig gespielt werden wird, ist die Dramatisierung von „Hool“, einem Roman von Philipp Winkler, der sich mit der Hooligan-Szene von Hannover 96 beschäftigt. Da geht es dann nicht um den Fußball selbst, sondern um eine seiner Randerscheinungen – vermutlich die einzige Möglichkeit, sich dem Thema theatralisch zu nähern. Fest steht, dass sich Theaterleute in der Regel sehr für Fußball und alles, was damit zu tun hat, interessieren.

Bei den Leuten im Kulturbetrieb ist er also angekommen?

Absolut. Spätestens seit der WM 2006 ist es unter Intellektuellen ja sowieso schick geworden, sich mit Fußball auszukennen. Aber im Theater gab es immer eine besondere Nähe zum Fußball, das war schon zu meiner Zeit als Regieassistentin in Lübeck so. Ende der Neunziger kam es dann ja auch zu einer Zusammenarbeit des Theaters mit dem VfB Lübeck.

Und Samuel Beckett, schreiben Sie, hat mal Peter Handke warten lassen, weil er Fußball gucken wollte.

Er hat Handke einfach in einem Pariser Café sitzen lassen, um genau zu sein. Ja, Beckett war ein totaler Fußball-Fan, Bertolt Brecht sowieso. Und fragen Sie mal Claus Peymann oder Jürgen Flimm – die reihen sich da nahtlos ein. Gerade der Regisseursberuf hat ja viele Parallelen zu dem des Fußballtrainers.

Hatte in der Bundesliga Jürgen Klopp das größte dramatische Potenzial?

Dem konnte man seine Emotionen natürlich immer so wunderbar ansehen, das war mitreißend und toll. Wobei uns im Theater meist die Schauspieler besonders faszinieren, die ihre Gefühle gerade nicht eins zu eins ausagieren, sondern nur die Spitze des Eisbergs zeigen. Wofür der Eisberg natürlich trotzdem vorhanden sein muss.

Wird es nicht schnell peinlich, wenn man den Fußball mit Bedeutung überfrachtet, gerade auch im Kulturbetrieb?

Ich bin ja der Überzeugung, dass man anhand von Fußball fast alles besprechen kann, was auf der Welt wichtig ist. Und die Metapher Fußball holt die Dinge ja auch eher auf den Boden zurück, als dass sie überhöht würden. Für mich ist es jedenfalls immer wieder sehr beglückend, wenn man mit Leuten aus dem Kulturbetrieb auch mal eine Viertelstunde über Fußball reden kann. Das entspannt jede Gesprächssituation.

Sind Ihnen beim Fußball Tragödien oder Komödien lieber?

Hängt davon ab, wen es trifft, oder? Wenn Bayern München dauernd am Elfmeterpunkt ausrutscht, amüsiert mich das durchaus. Das WM-Finale 2006 mit Zidanes Kopfstoß war hingegen eine echte Tragödie, etwas, das sofort viel größer wurde als ein Fußballspiel. Weil es etwas Existenzielles über Menschen erzählt hat. Am 11. April hatte man in Dortmund, als das Spiel wegen des Anschlags auf den Mannschaftsbus abgesagt wurde, auch so ein Tragödien-Gefühl. Aber das braucht wirklich kein Mensch.

Und für diese Saison sehen Sie schwarz, was den BVB angeht?

Die Entlassung von Trainer Thomas Tuchel ist von außen schwer zu beurteilen. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass da viele Befindlichkeiten und Eitelkeiten im Spiel waren, was einen als Fan natürlich unglaublich nervt. Unter Tuchel hat Dortmund so tollen Fußball gespielt, das hätte weitergehen können. Jetzt heißt es, unter dem neuen Trainer fühlten sich die Spieler alle wohl – was für mich nicht unbedingt eine gute Nachricht ist. Wenn sich nämlich Schauspieler auf der Bühne zu wohl fühlen, sind sie meistens nicht gut. Oft entsteht erst durch Spannung und Reibung oder durch Fremdheit etwas, bei dem man über sich hinauswächst. Davon bin ich überzeugt. Wenn’s beim BVB jetzt nur noch kuschelig zugehen soll, läuten bei mir sofort die Alarmglocken. So wird man bestimmt nicht Deutscher Meister.

Interview: Peter Intelmann

Aus Lübeck und BVB-Fan

Dagrun Hintze (46) ist gebürtige Lübeckerin, hat am Johanneum Abitur gemacht und nach dem Studium von 1994 bis 1997 am Theater Lübeck gearbeitet. Seit 1999 veröffentlicht sie als freie und mehrfach ausgezeichnete Autorin Theaterstücke, Lyrik, Prosa und Texte über zeitgenössische Kunst. 2008 hat sie beim Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gelesen. Im September beginnt sie als künstlerische Leiterin das Projekt „Staging Democracy“ in Kooperation mit dem Hamburger Lichthof-Theater, im Januar hat sie als Autorin und Dramaturgin am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere. Im Mai wird ihr Stück „Wir sind die nebelfreie Stadt“ am Theater der Stadt Aalen uraufgeführt.

Außerdem ist Dagrun Hintze Fan von Borussia Dortmund und hat in diesem Jahr das Buch „Ballbesitz – Frauen, Männer und Fußball“ veröffentlicht (Mairisch, 104 Seiten, 11 Euro).

LN

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