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Begegnung zweier Welten

Begegnung zweier Welten

Mit ihrem zweiten Roman „Schmale Pfade“ ist der Amerikanerin Alice Greenway ein literarisches Kleinod gelungen.

Jim Kennoway ist ein wütender Mann. Nach dem Verlust eines Beins im Winter 1973 hat der Vogelkundler seine Arbeit für das Naturhistorische Museum aufgekündigt und sich ins Sommerhaus seiner Familie an der Küste von Maine zurückgezogen, um unbehelligt von der Welt seine Tage zu verbringen. Jim Kennoway ist ein beschädigter Mann. Nicht nur, weil er aufgrund seines exzessiven Alkohol- und Nikotingenusses zur Amputation gezwungen war und seine Mobilität eingebüßt hat. Frühere Verluste und Schuldgefühle setzen ihm zu, aufsteigende Erinnerungen, deren Rumoren weder der Gin noch die Stille der Natur dämpfen kann.

Sein Rückzug in die Einsamkeit wird boykottiert von der Ankunft einer jungen Frau von den Salomonen. Cadillac ist die Tochter von Tosca, Jims einstigem Inselscout während des Pazifikkrieges. In Vorbereitung der US-Invasion im Sommer 1943 hatten die beiden jungen Männer von einer kleinen Salomoneninsel aus japanische Kriegsschiffe ausgespäht. Der Ornithologe Kennoway hatte dem Insulaner das Präparieren von Vögeln beigebracht. Nun schickt ihm Tosca seine Tochter, die in Kürze ein Medizinstudium an der Universität von Yale beginnen wird — sie weckt die dunkelsten Geister seiner Vergangenheit und bricht in seine Festung aus beharrlicher Einsamkeit und brüskem Schweigen mit unverblümter Offenheit ein.

Cadillacs unaufdringliche Präsenz und ihre Schilderungen der pazifisch-bunten Natur und Vogelwelt der Salomonen, die Jim Kennoway einst mit leidenschaftlichem Interesse erkundet hatte, erreichen ihn trotz allen Widerstrebens. Sie lassen seine Erinnerungen aufleben — nicht nur jene an die düsteren, schuldbeladenen Teile seiner Lebensgeschichte, sondern auch die inneren Bilder seiner Reisen zu heimischen und fernen Vogelwelten, die Bilder seiner Kindheitssommer an der rauen Küste Maines, die ihm schon in jungen Jahren Rückzugsorte bot und seinem Forschergeist Raum zur Entfaltung gab.

Die Schilderungen der rauen Natur Neuenglands, der tropischen Schönheit der Salomonen und ihrer Vogelwelten entwickeln bei Alice Greenway eine vitale Kraft. Die Poesie ihrer klaren, unprätentiösen Sprache wirkt in den Schilderungen des Außen auf die Innenwelten ihrer Figuren, die sich auf schmalen Pfaden zueinander bewegen. Die Autorin, die als Tochter eines Auslandskorrespondenten in Hongkong, Bangkok, Washington und Massachusetts aufgewachsen ist und an der Yale University studierte, reiht sich mit ihrem Schreiben ein in die Tradition großer amerikanischer Erzähler. „Schmale Pfade“ ist ein literarisches Kleinod, ein Roman, der wie schon ihr Debüt „Weiße Geister“ von den auch in späteren Generationen nachhallenden Verletzungen erzählt, die der Zweite Weltkrieg in weiten Teilen der Welt geschlagen hat.

Auch Jim, der Ornithologe, ist ein schwer kriegsbeschädigter Mann. Mit der Unmenschlichkeit des Krieges und seinen eigenen Taten während des Einsatzes im Pazifikkrieg kann er leben; die Folgen, die sein freiwilliger Kriegseinsatz für seine zurückgelassene Ehefrau hatte, kann er sich nicht verzeihen. In selbstgewählter Isolation trinkt er sich dem Ende entgegen. Dass für Jim am Ende doch so etwas wie Versöhnung aufscheint, ist der Schönheit und Kraft des Lebendigen zu verdanken, die Cadillac in Kennoways Eremitage trägt.

„Schmale Pfade“ von Alice Greenway, übersetzt von Klaus Modick, Mare Verlag, 368 Seiten, 22 Euro.

Von Regine Ley

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