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Berlin will Nabel der Kunstwelt sein

Berlin Berlin will Nabel der Kunstwelt sein

Auf Deutschlands größtem Kunstfest, der Berlin Art Week, wird seit gestern die Wiederkehr der klassischen Malerei gefeiert.

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Mit Tafelbildern kann man Wände täfeln: Franz Ackermanns Werk „Hügel und Zweifel“ in der Berlinischen Galerie ist Teil der Art Week.

Quelle: Foto: dpa

Berlin. Die Münder lächeln, die Augen aber blicken hohl: Die unterkühlten „Vagabunden“ des in Berlin lebenden britischen Malers Ben Cottrell erzeugen beim Betrachter ein ungutes Gefühl. Nimmt man die Bilder symbolisch für den Zustand der Kunst heute, könnte man sagen: Das oft totgesagte Medium Malerei ist in Wirklichkeit untot — also auf unheimliche Weise ziemlich lebendig.

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Mit Tafelbildern kann man Wände täfeln: Franz Ackermanns Werk „Hügel und Zweifel“ in der Berlinischen Galerie ist Teil der Art Week.

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Die mit zahlreichen Bezügen von deutscher Romantik über englischen Vampir-Roman bis zu Science-Fiction-Klassikern aufgeladenen Spukwesen Cottrells haben es jetzt in die Berliner Kunst-Werke (KW) geschafft. Eigentlich kennt man den Ort für Ausstellungen avancierter Konzept- und Diskurskunst und als Schaltzentrale der Berlin-Biennale. Jetzt aber duftet es dort ungewohnterweise nach Ölfarbe.

Rechtzeitig zur zweiten Berlin Art Week, Deutschlands größtem Kunstfest, eröffnen die Kunst-Werke die Ausstellung „Keilrahmen“: eine Malerei-Schau mit Gemälden von 70 Künstlern. Über den Umweg der Ironie schleicht sich also aktuelle Malerei in den Diskursort ein.

Berliner Galerien: kreativ,

aber umsatzschwach

Die Werke — von André Butzer über Andy Hope bis zum Altmeister Rainer Fetting — werden in den KW wie in einem klassischen Künstlersalon dicht an dicht präsentiert. Und von einer „Kanzel“ herab, gestaltet von Nina Rhode, sprechen Künstler über Potenziale der Malerei heute. Ganz „bewusst“ beschränke man sich „auf Tafelbilder als klassischem Malereiformat“, heißt es im Kuratorensprech aus den Kunst-Werken: „So wird mit der Differenz zu anderen Genres gearbeitet, um das Spezifische der Malerei im eigenen Medium sichtbar zu machen.“

Auch die Berlinische Galerie und die Deutsche Bank Kunsthalle besinnen sich rechtzeitig zur Art Week auf das alte Erfolgsmedium Gemälde: mit Bildern von Franz Ackermann und jungen zeitgenössischen Künstlerinnen. Und in der Neuen Nationalgalerie hat bereits vor ein paar Tagen eine Gemäldeschau eröffnet: „BubeDameKönigAss“ mit Martin Eder, Michael Kunze, Thomas Scheibitz und Anselm Reyle. Das Label der Berliner Malereioffensive lautet „Painting Forever!“. Unterstützung kommt von der Stadt Berlin, die immer noch keine eigene Kunsthalle hat.

Schon im Frühjahr hatte das Gallery Weekend Sammler nach Berlin gelockt, jetzt ist die Art Week ein Anziehungspunkt. Sie wirbt mit „21 Mal Kunst, 6 Tage, 1 Ticket“. Öffentliche und kommerzielle Kunst-Orte der Bundeshauptstadt koordinieren ihre Programme und bewerben sie gemeinsam.

In Berlin leben und arbeiten heute schätzungsweise 6000 professionelle bildende Künstler aus zahlreichen Nationen. Die Zahl der Kunstgalerien stagniert bei rund 400 — vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise ist das positiv zu sehen. Nach Angaben der Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer gehören rund 150 der Berliner Galerien zu den ökonomisch starken Unternehmen der Branche. Deren Umsätze liegen im siebenstelligen Bereich. Zu denen, die neu hinzugezogen sind, gehört die Traditionsgalerie Kewenig. Sie gibt ihre Räume in Köln auf, nicht aber die Galerie auf Mallorca. Kewenig ist rechtzeitig zur Art Week in Berlins zweitältestes Gebäude eingezogen, das „Galgenhaus“ auf der Spreeinsel. Zuvor hat der Galerist die historische Bausubstanz saniert. In der Eröffnungsausstellung sind Werke des französischen Großkünstlers Christian Boltanski zu sehen.

Berlin ist Europas größter Galerien-Standort. Nach wie vor aber gelte, so Yzer, die Beschreibung: „kreativ, aber umsatzschwach“. Deswegen wohl gibt es im Herbst auch keine große Kunstmesse mehr. Dafür hat sich die kleine, feine „abc art berlin contemporary“ in Kreuzberg etabliert. Die Nebenmesse Preview Berlin Art Fair ist von Tempelhof nach Prenzlauer Berg übersiedelt, in die Opernwerkstätten in der Zinnowitzerstraße.

Im Vorfeld der Art Week hat eine Jury nach Kunst-Orten abseits ausgetretener Pfade gesucht und ist unter anderem auf die kommunale Galerie M, die Hochschulinitiative Kleine Humboldt Galerie und — in einer ehemaligen Autolackiererei in Friedrichshain — auf den „Projektraum Autocenter“ gestoßen. Auch im Autocenter hat Malerei — neben Installation und Videokunst — Tradition, wenn auch ursprünglich eher als Karosserie-Gestaltung.

Die ganze Bandbreite aktueller Malerei
„Painting Forever“ heißt das zentrale Projekt der zweiten Berlin Art Week, die gestern Abend begann: Vier führende Kunstinstitutionen der Stadt — die neue Kunsthalle der Deutschen Bank, die Kunst-Werke, die Neue Nationalgalerie und die Berlinische Galerie — dokumentieren mit Werken von mehr als 80 Künstlern die Bandbreite der aktuellen Malerei. Daneben gibt es zwei große Kunstmessen und zahlreiche Einzelveranstaltungen. „Mit der Berlin Art Week ist eine Plattform entstanden, die Künstler, Galerien und Institutionen in ein einmaliges Spannungsfeld bringt“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bei der Eröffnung. Da er auch das Amt des Kultursenators innehat, warb Wowereit kräftig für die Art Week: „Mit einem noch umfassenderen Programm als im Vorjahr wird die Kunstwoche die ganze Vielfalt, Kreativität, Experimentierfreude und Qualität des Kunststandortes Berlin präsentieren.“

Berlin Art Week, bis Sonntag, 22. September, Informationen unter www.berlinartweek.de

Johanna Di Blasi

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