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Kultur im Norden Schattenreiche der Schwermut
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22:35 03.12.2018
Heinz Strunk las im Theater Lübeck aus seinen Erzählungen „Das Teemaennchen“ Quelle: Agentur 54°
Lübeck

„Wir sind hier nicht auf dem Dampfer der guten Laune.“ Mit diesem Satz stimmte Heinz Strunk seine Hörerschaft in den voll besetzten Kammerspielen des Theaters Lübeck seelisch auf seine „depressiven Prosa-Miniaturen“ ein. Bei der Lesung aus seinem Erzählband „Das Teemännchen“ am Sonnabend wurde trotzdem viel gelacht.

Die Protagonisten in Strunks Geschichten sind heruntergekommen, verwahrlost, deformiert (Strunk: „Die Figuren sind die, die beim ,Tatort‘ als erste erschossen werden“).Ihre Schwächen, ihre Hässlichkeit beschreibt der Autor minuziös bis zum letzten abgekauten Fingernagel. Gnadenlos ist das, aber nie zynisch. Heinz Strunk sind seelische Abgründe ebenso wenig fremd wie die gruseligen Milieus, in denen seine Figuren zum Teil agieren. Er kann sich in seine Gestalten einfühlen.

Er nennt es „sozialen Realismus“

Bis in Groteske übersteigert ist sein „sozialer Realismus“, wie er es nennt. Inspiriert haben ihn aber nach eigener Aussage echte Beobachtungen. Das Paar, das in seiner „Needing Company“ (O-Ton Strunk) verharrt, aber nur noch Hassgefühle füreinander hegt, habe er so schon oft erlebt. Wer nicht? Auf der Autobahn kommt es fast zum absichtlich provozierten, tödlichen Unfall. Aber die Dramatik wird sofort wieder auf den banalen, tristen Alltag heruntergefahren - es geht noch mal „gut“ aus, die beiden leben weiter wie vorher.

Der 99 Zentimeter große Zwerg, der sich versehentlich selbst die Toilette herunterspült, der Mann, der aus unbekannten Gründen gekreuzigt an einem Windrad hängt: Diese Beispiele zählt Heinz Strunk zu seinen „surrealistischen“ Geschichten. Sie sind von tiefschwarzem Humor mit Horror-Elementen. Quälend realistisch wiederum die einst attraktive Frau, die im Bratfettmief des „Borstel-Grilleck“ immer mehr verkommt und schließlich ob ihrer Hässlichkeit in den Keller verbannt wird. Auch diese arme Seele hat ein reales Vorbild, wie Heinz Strunk erzählt. Er fand sie in seiner früheren Nachbarschaft, der Hamburger Peripherie. Das Grilleck gehört bei Strunk in die gleiche Kategorie wie Autobahnraststätten und Saufkneipen: Es sind Schattenreiche der Schwermut.

„Griechischer Wein“ auf der Querflöte

Dazu zählt auch der titelgebende erfolglose Teeladen, dessen Besitzer alte Schlager so liebt. Ihm zu Ehren spielte Heinz Strunk am Ende auf seiner Querflöte noch Udo Jürgens‘ „Griechischen Wein“, das Lieblingsstück des „Teemännchens“. Und kündigte für das nächste Jahr wieder „etwas Lustiges“ an, unter anderem einen erotischen Fotokalender für die Generation 40 plus – mit ihm als Motiv.

Lesen Sie hier das LN-Interview mit Heinz Strunk, das er vor der Lesung in Lübeck gegeben hat.

Von Oda Rose-Oertel

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