Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Bewegende Gedenkfeier für Günter Grass
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Bewegende Gedenkfeier für Günter Grass
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:04 11.05.2015
Gäste und Redner würdigten bei der Gedenkfeier die Werke von Günter Grass. Quelle: Günter Grass Haus
Lübeck

Die schleswig-holsteinische Trikolore auf Halbmast im ganzen Bundesland, ein gewaltiger Auftrieb an Politikern – der Bundespräsident, ein Ex-Bundeskanzler, ein Vizekanzler, drei Ministerpräsidenten, eine Staatsministerin ... Dazu Schriftsteller, Theaterleute, Intellektuelle.

Und das alles im Gedenken an den Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der sich zu Lebzeiten immer dagegen gewehrt hatte, als Staats- oder gar Nationaldichter eingestuft zu werden.

Zur Stunde nimmt Deutschland Abschied von Günter Grass.

„Staatsdichter in dem Sinne, dass er als Repräsentant unseres Landes herhalten sollte, wollte Grass tatsächlich nie sein“, sagt vor der Feier dazu Hans Wißkirchen (60), Direktor der Kulturstiftung Lübeck und damit Chef aller Museen der Stadt, auch des Günter-Grass-Hauses. „Aber Vertreter der Bürgerinnen und Bürger, die sich einmischen sollten – das wollte Grass schon sein.“ Dass die Feier für seine Person solch ein großer Akt geworden sei, „das hätte ihm durchaus gefallen“.

Schriftsteller Benjamin Lebert (33), Gründungsmitglied des von Grass ins Leben gerufenen Lübecker Literaturtreffens, meint: „Solche Rituale sind wichtigt.“ Grass wäre amüsiert „und auch ein wenig gerührt“, hätte er die Gedenkveranstaltung zu seinen Ehren erleben dürfen, sagt Lebert.

„Ein Mensch wird zu dem, was er ist, erst in den Augen von anderen. Und Grass wurde von so vielen Augen angeschaut, dass die Figur dieses Namens übermächtig ist.“

Gerhard Schröder (71), will sich eigentlich gar nicht zu der Gedenkveranstaltung äußern, sagt aber dann doch, er legt Wert darauf, dass er nicht als Politiker, sondern als sehr alter Freund nach Lübeck gekommen sei.

„Ich war Vorsitzender der Jungsozialisten im Bezirk Hannover, als ich ihn zum ersten Mal getroffen habe“, im berühmten Willy-Brandt-Wahlkampf 1969 bei einem Italiener im Hinterzimmer. „Es war nicht immer einfach, mit ihm auszukommen“, gesteht Schröder, „aber er war immer loyal, auch wenn er in mir oft nur das kleinere Übel sah.“ Als Beitrag Grass’ zu seiner Politik nennt der Altkanzler: „Er hat in der Frage der Beteiligung am Irak-Krieg wichtige Ratschläge erteilt.“

SPD-Parteichef und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (55) schätzte den Autor als intellektuelles Korrektiv: „Günter Grass ist vielen Menschen auf die Füße getreten – auch in der SPD. Dadurch sind wir aber nicht ins Stolpern geraten, sondern wir sind dadurch vorwärts gekommen.“

Schriftsteller Christoph Hein (71) sieht den großen Auftrieb gelassen: „Die kritischen Einlassungen von Günter Grass zur Politik werden ihn auf Dauer davor bewahren, als Staatsdichter vereinnahmt zu werden“, meint der Autor von „Frau Paula Trousseau“. Er selbst habe einen „offenen, herzlichen Menschen“ in Erinnerung. „Der Privatmann Grass war wesentlich umgänglicher als der politische Grass, der oft zubiss.“

900 Gäste nahmen an der Gedenkfeier im Theater teil.

Schauspieler Mario Adorf (84), seit der „Blechtrommel“-Verfilmung von Volker Schlöndorff, in der er den Vater Matzerath spielte, ein Freund von Günter Grass, schätzte den politisch unbequemen Autor: „Grass war immer dicht am Zeitgeschehen, er war bis zum Schluss zornig, deshalb wird er auch immer noch gelesen“, sagt er, um hinzuzufügen: „Im Gegensatz zu Heinrich Böll, der irgendwann nichts mehr zu sagen hatte und der heute fast vergessen ist.“

Da stimmt auch der Schweizer Autor Adolf Muschg (80) zu: „Was ich an Grass besonders geschätzt habe, war neben den Werken seine sinnliche Intelligenz.“ Einen Nachfolger sehe er nicht, auch, weil sich die öffentliche Wahrnehmung von Schriftstellern geändert habe: „Man wartet heute nicht mehr auf Autoren, die das gültige Wort zur Lage sagen, die ,literature engagée‘ ist tot.“

Helene Grass (44), Schauspielerin und Tochter des Schriftstellers, hat mit der Familie den Abschied schon eine Woche zuvor begangen. „Dass hier in Lübeck so etwas wie ein Staatsakt für ihn veranstaltet wird, das entspricht der öffentlichen Bedeutung, die er sich auch selbst zugesprochen hat“, sagt sie. Und es gebe eben viele Menschen, ob Politiker oder Kollegen oder auch Leser, die sich von Günter Grass verabschieden wollten.

Die Feier, die auch in Fernsehen und Rundfunk übertragen wurde, sei für sie die richtige Gelegenheit dazu.

Michael Berger

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!