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Kultur im Norden Biedermann und das Spiel mit dem Feuer
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20:21 30.01.2016
Martin Semmelrogge als Willi, der Brandstifter. Quelle: Malzahn

Geesthacht. Es ist die Angst des Biedermanns, dass seine Welt aus den Fugen und in Brand gerät. Und tatsächlich schlagen die Flammen schon überall hoch, ist schon überall Alarm und Gefahr. Aber Biedermann ist nicht geneigt, es zur Kenntnis zu nehmen. So sieht es aus in „Biedermann und die Brandstifter“, und nicht nur dort.

Max Frisch hat dieses Lehrstück ohne Lehre 1958 geschrieben. Es hat die Jahre überdauert, es treibt immer noch um. Am Freitag war es in Geesthacht im „kleinen Theater Schillerstraße“ zu sehen als eine Produktion des „Kleinen Theaters“ aus Bad Godesberg. Und geworben wurde vor allem mit Martin Semmelrogge, der immer wieder aufgefallen ist über die Jahre, in jeder Hinsicht, als Schauspieler — auf der Bühne hat er 1976 in Lübeck debütiert — wie im wahren Leben. Man kann das nachlesen im Feuilleton und im Polizeibericht. Und er spielte den Brandstifter Willi auch mit diesem typischen verwaschenen Gurgeln in der Stimme und einer Schmierigkeit, die schaudern macht. „Dein Lächeln ist zwei Millionen Dollar wert“, soll Steven Spielberg gesagt haben, der ihn in „Schindlers Liste“ einen SS-Mann spielen ließ. Mindestens auf Augenhöhe aber bewegte sich Erwin Kleinwechter, sein zündelnder Kamerad Sepp, der sich mit Willi auf dem Dachboden des Fabrikanten Biedermann einrichtet und die Dinge zielgenau ablaufen lässt, bis alles in Flammen steht. Sie schleichen sich ein in das Fabrikantenhaus und das Biedermannsche Leben, sie kolonisieren es. Sie machen sich breit und übernehmen bald schon die Regie. Sie tun das mit einer Mischung aus Frechheit und Anbiederung, aus Anmaßung und Unterwürfigkeit, die vor allem Kleinwechter glänzend gelang.

Und Gottlieb Biedermann steht dem in einer rührenden Hilflosigkeit gegenüber. Lorenz Schirren spielte diesen Haarwasser-Fabrikanten in all seiner großbürgerlichen Sentimentalität, der kein Problem damit hat, einen verdienten Mitarbeiter zu entlassen und in den Tod zu treiben und dann einen Kranz zu bestellen, der gar nicht teuer genug sein darf.

Willi und Sepp sind für ihn ein steter Vorwurf, eine immerwährende Anklage, und er bekennt sich schuldig. Er will kein Spießer sein, kein Biedermann. Er ist zerrissen zwischen seinem großen Herz im Allgemeinen und seinem jämmerlichen Kleinmut im privaten Besonderen. Und er hält das durch, bis alles verloren ist. int

LN

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