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Big Brother unter der Glaskuppel

Big Brother unter der Glaskuppel

T.C. Boyles Roman „Die Terranauten“: Ein Menschen-Versuch aus den 1990er Jahren.

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Brillanter Schreiber, vorhersehbare Geschichte: Autor T.C. Boyle.

Quelle: Foto: Henning Kaiser/dpa

Ecosphere 2 verheißt den Eintritt in ein neues Leben: Vier Frauen und vier Männer sollen zwei Jahre lang in einer künstlichen Welt unter einer Glaskuppel verbringen. Einen solchen Versuch hat es im US-Bundesstaat Arizona in den 1990er Jahren tatsächlich gegeben. Dort hieß das Experiment „Biosphere“ und sollte beweisen, dass in einem geschlossenen ökologischen System Leben langfristig möglich ist. Es ist gescheitert. Dem Schriftsteller T.C. Boyle (68) diente es als Anregung für seinen Roman „Die Terranauten“.

Es handele sich um ein „prophetisches und irre komisches Buch“, heißt es im Klappentext. Aber nach Witz sucht man auf etwas über 600 Seiten lange vergeblich. Immerhin traut man einem klugen Autor wie Boyle zu, aus einer irren Versuchsanordnung einen bedeutenden Roman zu machen. Dies aber gelingt ihm mit dem neuen Werk, das wohl eine Satire sein soll, nicht.

Die Terranauten sind acht sorgsam ausgewählte junge Wissenschaftler, die 24 Monate gemeinsam in Ecosphere 2 (E2) leben, das in manchem einem Gefängnis ähnelt. Nichts darf von außen nach drinnen und nichts nach draußen dringen. Die Regeln sind streng. Es gibt nicht genug zu essen und kaum Geld für die Teilnahme an dem Versuch. Und doch reißen sich junge Leute darum, sich für zwei Jahre einsperren zu lassen. Denn Ecosphere 2 ist irgendwie auch ein kleines Paradies, in dem sich auf kleinstem Raum die ganze Welt mit all ihrer Schönheit und all ihren Möglichkeiten finden lässt: mit Stränden und Wüsten, Ozeanen und Wildnissen. Vielleicht wichtiger noch: Es hebt die Teilnehmer aus der Masse der Menschen heraus.

Chef des Unternehmens ist ein finanzkräftiger älterer Herr, genannt GV. Man erfährt nicht so genau, ob er ein Idealist ist, dem es darum geht, Notausgänge aus der von Zerstörung bedrohten Welt zu schaffen, oder bloß um Geschäftemacherei.

Boyle hat seinen Roman Mitte der 1990er Jahre angesiedelt und in vier Kapitel gegliedert: Vor dem Einschluss, Einschluss Jahr eins, Einschluss Jahr zwei, Wiedereintritt. Er lässt drei Protagonisten erzählen: die attraktive Dawn Chapman, die als Nutztierwärterin zur E2-Crew gehört, Ramsay Roothoorp, der dem Versuch als Leiter des Bereichs Wassermanagement dient und bei dem Sex viel Raum einnimmt; und Linda Riyu, die sich beworben hatte, aber nicht reindurfte und das Experiment nun voller Groll von draußen betrachtet und durch Intrigen Rache nimmt.

Boyle ist ein brillanter Schreiber, der häufige Perspektivwechsel macht den Roman kurzweilig. Zu fesseln aber vermag er nicht. Dafür ist das Leben unter der Glaskuppel, sind die Sorgen und Ambitionen der Protagonisten viel zu banal. Drinnen wird Landwirtschaft betrieben, es werden Tiere versorgt, es wird gekocht, gegessen, diskutiert, gebadet, Theater gespielt. Wer den Klappentext gelesen hat, weiß, dass es eine dramatische Zuspitzung geben wird: Dawn wird schwanger. Bringt dies das Experiment zum Platzen? Oder kann Dawn das Kind in dem gläsernen Käfig zur Welt bringen und versorgen? „Es gibt Zeiten, da muss man einfach tun, was das Herz befiehlt, ganz gleich, wem man damit wehtut und was die Konsequenzen sind“, lautet die Antwort der werdenden Mutter.

Man ahnt, worauf die Geschichte hinausläuft, auch wenn man noch viele Kapitel vor sich hat. Erleichterung am Ende, diese gedruckte Spielart von „Big Brother“ endlich verlassen zu können.

Liliane Jolitz

„Die Terranauten“ von T.C. Boyle, Hanser Verlag, 604 Seiten, 26 Euro.

LN

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