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Kultur im Norden „Bilder eines Bildhauers“
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18:46 31.05.2018
Lübeck

Möglich gemacht wurde der Kauf durch den Lübecker Mäzen Christian Dräger, ein „konvertierter Grass-Leser“, wie Grass-HausLeiter Jörg-Philipp Thomsa gestern bei der Übergabe sagte. Das Konvolut aus dem Besitz der Grass-Stiftung füge sich wunderbar in die Sammlung des Hauses mit etwa 1300 bildkünstlerischen Arbeiten und Manuskripten.

Bei den Bildern handelt es sich um Zeichnungen, Aquarelle, auch ein Druck des mutmaßlich einzigen Holzschnitts von Grass ist darunter. Entstanden sind sie Ende der Vierzigerjahre, als Grass in Düsseldorf Steinmetz lernte und danach als Schüler an der dortigen Kunstakademie. Die Zeiten waren hart, Grass spielte oft genug mit seinem Waschbrett im Jazzkeller „Czikos“ für ein warmes Essen – Nachkriegsjahre.

Er wohnte damals im Caritas-Heim, später in der Stockumer Kirchstraße, so beschreibt er es auch in seinem letzten Buch „Vonne Endlichkait“. In einem Hinterhof über einem Stall hatte er dort mit seinem Freund und Mitmusikanten Horst „Flötchen“ Geldmacher ein Atelier ausgebaut, von außen über eine eiserne Treppe zu erreichen. Geldmacher sollte er später in der „Blechtrommel“ ein bleibendes Andenken verschaffen, seine mehr als 150 Bilder aber ließ er zurück, als er sich 1953 nur mit einem Koffer in der Hand auf den Weg nach Berlin machte.

Gefunden wurden sie von Ekkehard Pelliccioni, seinem Nachmieter. Er stieß darauf „zwischen Sperrmüll und ausgedienten Matratzen“, so beschreibt Grass das in der „Endlichkait“, und Pelliccioni stand damit eines Tages bei ihm in Behlendorf im Atelier: „Muffig riechendes Altpapier. Die Ränder gerissen, geknickt, von Mäusen angefressen, fleckig, brüchig.“ Je länger der Dichter aber darin stöberte, desto mehr Erinnerungen tauchten auf. „Eine unglaubliche Geschichte“, sagte Hilke Ohsoling, die Geschäftsführerin der Günter-undUte-Grass-Stiftung.

Vor zwei Jahren ist eine Auswahl der Bilder schon in der Ausstellung „Don’t fence me in“ im Grass-Haus zu sehen gewesen. Für den Herbst ist jetzt eine neue Ausstellung mit Aquarellen von Grass geplant. Im kommenden Jahr, vermutlich zum Todestag des Schriftstellers im April, soll eine Publikation zu den Bildern erscheinen.

Darin wird auch ein Essay des Kunsthistorikers Jürgen Fitschen enthalten sein, des früheren Direktors des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums Schloss Gottorf. „Die Bilder mussten hier her, so oder so“, sagte er. In ihnen lasse sich „der Weg hin zu einer eigenen Position, einer eigenen Überzeugung“ ablesen. Grass’ damalige Wohnorte Düsseldorf und Berlin seien in jenen Jahren die Pole eines Richtungsstreits in der deutschen Nachkriegskunst gewesen.

Mit einigen der Bilder hat sich Grass damals auch an der Düsseldorfer Akademie beworben. Es sind Körperstudien, auch Porträts alter Männer, die ihm im Caritas-Heim für zwei Zigaretten pro Sitzung Modell gesessen haben. Eine Heidelandschaft in Pastelltechnik findet sich darunter, man sieht Tuschezeichnungen nach Momentaufnahmen aus dem Skizzenbuch. Der Künstler Markus Lüpertz hat in den Arbeiten die „Bilder eines Bildhauers“ erkannt.

Hans Wißkirchen, Leitender Direktor der Lübecker Museen, unterstrich die Bedeutung des GrassHauses und dessen umfangreicher – auch digitalisierter – Sammlung. Das Interesse aus aller Welt werde immer größer. Thomsa verwies ebenfalls auf Ausstellungen in Dänemark, Polen, Ecuador, den Niederlanden oder zuletzt in Portugal und erklärte: „Kein Wissenschaftler, der sich mit Günter Grass befasst, kommt an Lübeck vorbei.“

Von Peter Intelmann

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