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Kultur im Norden Bisse und Küsse
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18:10 03.07.2018

Der Abendhimmel über dem Innenhof des Schweriner Schlosses ist strahlend blau. Und auch zweieinhalb Stunden später ist es nicht richtig dunkel. Die hellen Nächte des Nordens. Tiefschwarz sind jedoch die Abgründe, die sich auftun in den Gestalten. In der Inszenierung des Staatstheaters Schwerin macht Regisseur Krzysztof Minkowski aus dem in der Literatur und im Film immer wieder recycelten Stoff genau das, was man in dieser Jahreszeit daraus machen muss: effektvolles Sommertheater. Spektakulär allein schon der Schauplatz, der, herausgeputzt für den angestrebten Welterbe-Titel, zwar nicht dem düster verwitterten Schloss des Grafen Dracula in Transsilvanien gleicht, aber dennoch eine eindrucksvolle Kulisse abgibt.

Dracula (Sebastian Reck) berauscht sich an Mina (Stella Hinrichs, l.), im hintergrund Katrin Heinrich als Renfield.
Sebstian Reck als Dracula. Quelle: Foto: Dpa

Eine der schönsten Szenen der bei der Premiere mit Standing Ovations gefeierten Aufführung spielt denn auch hoch oben auf einer umlaufenden Galerie, wo die junge Engländerin Mina von einer „Nacht der Träume“ schwärmt, und man sofort weiß, dass sie den Verführungskünsten Draculas unweigerlich erliegen wird. Als es dann zur Hingabe kommt, kosten sie (Stella Hinrichs) und er, der Vampir aus altem Adelsgeschlecht (Sebastian Reck), den Akt in vollen Zügen aus. Sie beißen sich gegenseitig und trinken wechselseitig ihr Blut. Ein Liebesrausch, pervers anmutend, dennoch hocherotisch. Bisse und Küsse – und ein ironisches Augenzwinkern dazwischen.

Das trefflich ausbalancierte Spiel zwischen grausigem Geschehen und dessen witziger Unterminierung prägt die gesamte Inszenierung. Am deutlichsten dann, wenn einige scheinbar ehrbare Männer sich zu einer Bande von Vampirjägern zusammengeschlossen haben, um den toten Grafen, der eben als Untoter weiterlebt, zur Strecke zu bringen. Dabei treiben die Herren ihr Jagdfieber derart auf die Spitze, dass ihr Furor in Lächerlichkeit umkippt. Genussvoll gezeichnete Karikaturen der in bigotten Konventionen erstarrten viktorianischen Gesellschaft.

Einer tut sich dabei besonders hervor, der holländische Vampirismus-Experte Abraham van Helsing (Andreas Anke), Gegenspieler Draculas – und sein seitenverkehrtes Spiegelbild. Da und dort die gleiche Herrschaftsattitüde, der gleiche Fanatismus. Die Brutalität und Besessenheit, mit der van Helsing gegen den von ihm „Bestie“ genannten Grafen vorgeht, blamiert seinen moralischen Anspruch bis auf die Knochen. Und derart entblättert steht auch der Psychiater Dr. John Seward (Jochen Fahr) da, der seinen Patienten Renfield (Katrin Heinrich) oft „behandelt“ wie ein Stück Vieh. Der Zuschauer könnte da leicht ins Grübeln kommen. Wer ist hier wirklich das Scheusal?

Doch trotz solcher Ausflüge ins Tiefschürfende weiß Minkowski sehr gut, was er dem sommerlichen Open-Air-Theater schuldig ist. Und er liefert. Drei wunderbar schrille Vampirinnen (Katrin Heinrich, Stella Hinrichs, Jennifer Sabel) treiben ihr unverhohlen sexuelles Spiel mit dem verdutzten jungen Anwalt Jonathan Harker (Vincent Heppner). Ausdrucksstark, obgleich etwas zu outriert, Jennifer Sabel als Lucy, Draculas erstes Opfer und Minas Busenfreundin, die als strahlende Schönheit in Weiß beginnt und als kreischende Untote endet. Am Ende entsteigt der von seinen Jägern gemeuchelte Graf seinem Sarg und wendet sich an das Publikum: „Glaubt ihr wirklich, das Böse besiegen zu können?“ Eine Frage zum Knabbern. Und ein Schluss quer zum Happy End des Romans.

Gespielt wird bis 21. Juli. Alle 16 Vorstellungen sind ausverkauft. Eventuell zurückgegebene Karten unter 0385/53 00 123 oder kasse@mecklenburgisches-staatstheater.de

Zeitloses Mythos

Der irische Schriftsteller Bram Stoker (1847-1912) arbeitete sieben Jahre an seinem Vampir-Roman, der 1897 veröffentlicht wurde. Seither wurde der Vampir-Mythos oft in Büchern und Filmen verarbeitet.

Berühmt wurden der zum Teil in Lübeck gedrehte Spielfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) sowie die Horrorkomödie „Tanz der Vampire“ (1967) und der Fantasyfilm „Interview mit einem Vampir“ (1994). Zuletzt feierte das Vampir- Thema in den „Twilight“-Filmen seine Auferstehung.

Hermann Hofer

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