Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
„,Blechtrommel‘ war Fluch und Segen“

„,Blechtrommel‘ war Fluch und Segen“

Schauspieler David Bennent, der Oskar aus der Grass-Verfilmung, wird heute 50 – und hat Grund zum Feiern.

Voriger Artikel
Das nervt Habeck an den Grünen
Nächster Artikel
Das Travejazz-Festival ist in vollem Gange

Schauspieler David Bennent: Er lebt in Berlin, ist laut Reisepass Schweizer, doch auf den Bühnen in Frankreich, Deutschland und Österreich zu Hause.

Quelle: Fotos: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa, Jazzarchiv

Berlin. Als Hauptdarsteller in der Verfilmung von Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1979) war er mit 12 Jahren eine Kinosensation.

LN-Bild

Schauspieler David Bennent, der Oskar aus der Grass-Verfilmung, wird heute 50 – und hat Grund zum Feiern.

Zur Bildergalerie

„Er hatte die nötige Portion Größenwahn“, sagte Grass über David Bennent, „er meinte allen Ernstes, dass ich den Roman nur für ihn geschrieben hätte.“ Heute wird der Schauspieler 50 Jahre alt – und ist dankbar, sich treu geblieben zu sein.

Sie reden nicht gern über den „Blechtrommel“-Film. Warum?

David Bennent: Der Film war beides für mich – Fluch und Segen. Wegen dieser Rolle wurde meine Körpergröße ein Thema. Kein Hahn kräht danach, wie groß Danny DeVito ist, kein Hahn kräht danach, wie groß Prince war, aber ich stand wider Willen in den Schlagzeilen.

Darum auch Ihr Nein zur Verfilmung des zweiten Teils?

Bennent: Das Leben eines krummen Zwergs, der merkwürdige sexuelle Fantasien hat, diese Rolle hat mich als junger Schauspieler nicht wirklich interessiert.

Richard III., das ist eine wunderbare Figur, ein wunderbarer Krüppel, das herrlichste an Bösem. Oder Macbeth – das sind Traumrollen. Hinzu kommt, dass ich mich von der Person Grass eigentlich abgewendet habe. Dass er seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS erst so spät publik gemacht hat, macht ihn für mich unglaubwürdig.

Sie kommen gerade vom „Jedermann“ aus Salzburg zurück. Wie war’s?

Bennent: Das war eine wunderbare Erfahrung. Wie man dort als Schauspieler während der Festspiele geschätzt und geliebt wird, ist wirklich einzigartig, das habe ich so noch nicht erlebt.

Und wir hatten ja auch einen Riesenerfolg. Aber es ist natürlich auch eine große Kirmes, ich weiß nicht, ob ich das noch einmal machen sollte.

Und jetzt?

Bennent: Alles offen. Ich habe noch kein neues Angebot, ich lasse mich überraschen. Ich gelte ja ein bisschen als schwierig. Immer, wenn ich irgendwo fest bin, flieg ich raus, weil es heißt, ich kann mich nicht anpassen. Ich finde es schon ein bisschen merkwürdig, dass bei uns so viel über die fehlende Meinungsfreiheit in der Türkei geredet wird, und gleichzeitig kannst du als freier Schauspieler in Deutschland gar nicht so schnell gucken wie du fliegst, wenn du nur mal was Kritisches sagst oder einen Witz machst. Die meisten haben Angst und kuschen, um nicht ihren Job zu verlieren.

Zuletzt haben Sie mehr gedreht als Theater gespielt – deshalb?

Bennent: Nein, das hat sich so ergeben. Ich habe tatsächlich in den vergangenen drei Jahren vier Filme gemacht, sogar zwei Fernsehfilme. Vor zehn Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können. Für mich ist wichtig, dass mir die Arbeit und die Umgebung Spaß machen, dass es mit den Leuten stimmt.

Zum Beispiel?

Bennent: Für den ZDF-Zweiteiler „Die Pfeiler der Macht“ etwa habe ich mich entschieden, weil ich gern mit Christian Schwochow als Regisseur zusammenarbeiten wollte. Und Ende des Monats kommt „Nebel im August“ von Kai Wessel ins Kino. Da geht es um die „Euthanasie“ von Kindern im Dritten Reich. Um den Film habe ich lange gekämpft und sogar ein Angebot vom Berliner Gorki- Theater abgesagt.

Was bedeutet für Sie der 50. Geburtstag?

Bennent: Ich bin mit meinem Leben mehr oder weniger sehr zufrieden, die erste Halbzeit war schön. Das einzige ist, dass man halt jetzt weniger vor sich hat als hinter sich. Aber mein Vater ist 90 geworden, dann hätte ich jetzt noch 40 Jahre. Bisher bin ich mir treu geblieben  und habe das gemacht, was ich machen möchte. Und ich hoffe, dass mir das weiter so gelingt.

Wo feiern Sie?

Bennent: Dieses Jahr habe ich das große Bedürfnis, nach Griechenland zu kommen. Ich hatte im Januar mit einem Freund einen schweren Autounfall. Ein junger Mann ist uns bei Schneeregen mit 180 Sachen hinten reingeschossen. Kein Gutachter, der das Auto sieht, kann glauben, dass da noch zwei Menschen lebend rausgekommen sind. Das Verfahren gegen den Mann ist eingestellt worden. Aber für mich ist dieser 13. Januar vielleicht ein zweites Leben.  Deswegen möchte ich mich in Griechenland ins Meer legen und nochmal Danke sagen.

Also keine Fete?

Bennent: Doch, zum Geburtstag selbst bleibe ich jetzt doch noch in Berlin. Ich feiere in einem Hinterhof, ein befreundeter Koch kocht für mich. Meine Freundin konnte mir keine Überraschungsparty mehr organisieren – wir haben  uns vor ein paar Monaten getrennt.

Geschichten von Krieg und Frieden

David Bennent , am 9. September 1966 in Lausanne geboren, ist Sohn des Schauspielers Heinz Bennent und seiner Frau Paulette Renou. Mit der Hauptrolle in der Verfilmung von Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1979) hatte er seinen größten Erfolg. Der Film bekam die Goldene Palme und einen Oscar. Bennent ist heute vor allem ein gefeierter Theaterschauspieler.

„Die Blechtrommel“ ist inzwischen auf den Theaterbühnen angekommen. Auch am Theater Lübeck wird die Geschichte aus Kriegs- und Nachkriegszeit, erzählt aus der Froschperspektive des kleingebliebenen Oskar Matzerath, aufgeführt. Peter Schanz aus Neuwittenbek hat sie verfasst, Regie führt Andreas Nathusius. Premiere: Sonnabend, 1. Oktober, Großes Haus.

Interview: Nada Weigel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden