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Bodenständig durchs wilde ’68

München Bodenständig durchs wilde ’68

1968 – Partys, Diskussionen und Revolte. Auch Uschi Glas war damals mittendrin, als der Film „Zur Sache, Schätzchen“ die Kinos eroberte.

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Im Korsett gings 1967 zur Sache: Uschi Glas mit ihrem Schauspiel-Kollegen Werner Enke und Regisseurin May Spils.

Quelle: Foto: Dpa

München. . Bei diesem Film wollte Uschi Glas unbedingt dabei sein: die Münchner Tragikomödie „Zur Sache, Schätzchen“ mit Werner Enke, inszeniert von der 26 Jahre alten May Spils. Der Film machte Glas berühmt, nicht zuletzt wegen einer Szene auf dem Polizeirevier, in der die Schauspielerin am Ende nur noch im weißen Korsett da steht. 1968, das waren aufregende Zeiten, erinnert sich Uschi Glas heute. Allerdings: Allzu viel feiern konnte sie nicht. Warum, erzählt die Münchnerin anlässlich des 50. Jahrestags der Premiere von „Zur Sache, Schätzchen“.

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1968 – Partys, Diskussionen und Revolte. Auch Uschi Glas war damals mittendrin, als der Film „Zur Sache, Schätzchen“ die Kinos eroberte.

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Wie war es für Sie, bei „Zur Sache, Schätzchen“ dabei zu sein?

Das war für mich natürlich aufregend. Es war ein bisschen chaotisch. Wir haben schwarz-weiß gedreht, weil wir kein Geld hatten für einen Farbfilm. Es waren wirklich schwierigste Bedingungen. Als die Premiere war, hat man aber gespürt, dass das ein Bombenerfolg sein wird. Die Reaktionen waren so spontan und mitreißend, dass May, Werner und ich uns so gefreut haben, weil wir gemerkt haben, jetzt ist es doch geglückt. Es gab vorher so viele Unkenrufe: Das wird nichts, außerdem schwarz-weiß, die Leute wollen einen Farbfilm sehen.

Wie viel Herzblut steckte in dem Film?

Sehr viel. Ich habe das damals gegen den Willen meiner Agentur gemacht. Und gegen den Willen von Horst Wendlandt, bei dem ich bei Rialto Film unter Exklusivvertrag war. Aber ich wollte unbedingt.

Das war damals auch ein absolutes Novum, mit einer Frau als Regisseurin zu drehen. Ich habe das Skript gelesen, und das hat mir gut gefallen. Und ich habe gesagt, bitte, bitte lasst mich den Film machen. Dann hieß es: Nein, den machst du nicht. Jetzt geht es gerade so gut los. Wenn du jetzt so einen Flop baust, das ist nicht gut. Da hatte ich ganz schöne Widerstände, aber ich habe gesagt, wenn ihr es mir nicht erlaubt, mache ich es trotzdem.

Der Film hat einen Nerv getroffen.

Der Film hat einen Nerv getroffen, ganz genau. Zu der Zeit gab es viele kritische Filme, die aber todernst waren. Und bei „Zur Sache, Schätzchen“ ist die Story ja eigentlich auch ziemlich hart.

Und trotzdem hat man es hingekriegt, dass man lacht und auch weiß, welche Story erzählt wird. Es hatte eine Leichtigkeit und auch diese neue Sprache. Es gibt heute noch Leute, die alles zitieren können.

Was war das Aufregendste?

May und Werner waren ganz andere Leute als die, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Einfach verrückt, richtige Schwabinger. Ich habe auch in Schwabing gewohnt, aber ich musste immer arbeiten und mein Geld verdienen. So ein laissez-faire-Leben hat es bei mir nicht gegeben, weil ich keine Unterstützung hatte. Ich musste mein Leben immer selbst zahlen. Meine Eltern hätten mir was erzählt, wenn ich gesagt hätte, dann will ich auch mal ein bisschen in Schwabing rumhängen und das Leben vorbeiwandern lassen. Das war ausgeschlossen.

Sie waren also die Bodenständige?

Für Werner und May war ich ein junges Mädchen, das mit beiden Beinen im Leben steht. Den Werner hat auch total fasziniert, dass ich einen Führerschein habe. Was, du hast einen Führerschein? Ja wie hast du denn das gemacht? Das waren so Diskussionen, wo ich mir gedacht habe, aus welchem Meer taucht der denn auf? Ich bin auf dem Land großgeworden. Um dich zu befreien, musstest du einen Führerschein haben. Bevor ich 18 war, hatte ich schon meine Fahrstunden gemacht und die Prüfung bestanden und habe genau zu meinem 18. Geburtstag diesen Führerschein in Händen gehabt.

War damals alles etwas wilder als heute?

1968, das war natürlich eine ganz wilde Zeit. Ich musste immer arbeiten, das war klar. Dann habe ich irgendwann angefangen, Schauspielunterricht zu nehmen. Aber ich musste schon diszipliniert sein. Einfach mal alle Fünfe gerade sein lassen, das konnte ich mir nicht leisten. Mitgefeiert und mitdiskutiert habe ich aber schon, das war ja auch die Zeit der großen Diskussionen.

Vermissen Sie diese Jahre?

Das kann ich schwer sagen. Ich tu’ mich schwer, dass man denkt, meine eigene Jugend war die tollste, und heutzutage gibt es das alles nicht mehr. Es war wild und toll, in jeder Weise. Wenn du heute so feiern würdest, wie wir damals gefeiert haben, das könntest du heute nicht mehr machen. München war eine wilde Stadt, aber das ist 50 Jahre her. München hat sich kolossal verändert, Gott sei dank. Ich liebe diese Stadt. Ich freue mich so, wenn ich längere Zeit nicht da war und wieder zurückkomme.

Interview: Cordula Dieckmann

Zur Person

Uschi Glas wurde von dem Berliner Produzenten Horst Wendlandt entdeckt. Eine ihrer ersten Hauptrollen bekam sie an der Seite von Pierre Brice in dem Western „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“. Ihren Durchbruch hatte sie 1968 mit der Tragikomödie „Zur Sache, Schätzchen“. Viele Rollen folgten, etwa in der ZDF-Serie „Zwei Münchner in Hamburg“.

Unlängst war sie in „Fack ju Göhte 3“ im Kino zu sehen. Neben der Schauspielerei ist die 73-Jährige auch sozial engagiert. So gründete sie den Verein brotZeit, der Schulkinder mit Frühstück versorgt.

LN

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