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Böse Buben, charmante Dänen

Büdelsdorf Böse Buben, charmante Dänen

Heute wird die 19. NordArt in Büdelsdorf eröffnet – Im Fokus: die nördlichen Nachbarn.

Büdelsdorf. Chefkurator Wolfgang Gramm fährt im offenen gelben Elektromobil durch die Hallen, und ein Handwerker vom Aufbauteam fährt lässig auf einem hellblauen Damenfahrrad vorbei: Angesichts einer Ausstellungsfläche von 22000 Quadratmetern in der ehemaligen Eisengießerei der Carlshütte in Büdelsdorf und dem 80000 Quadratmeter großen Park macht das Sinn. Zumal vor der Eröffnung der 19. NordArt noch einiges zu tun ist. Beim Rundgang entdeckt Ko-Kuratorin Inga Aru immer noch übersehene Details: Da muss noch die Aufhängung hinter einer Leinwand verschwinden, dort muss noch eine Bilderserie komplettiert werden.

Jedes Jahr wählt die NordArt sich einen Länderfokus. 2015 brachte man die Mongolei nach Büdelsdorf, im vergangenen Jahr war es Israel, das einen eigenen Pavillon bespielen durfte, nun sind es die Dänen. Jette Gejl aus Aarhus hat den Pavillon kuratiert und eine Spur durch die lebendige Szene ihrer Heimat gelegt, die sich auf den beiden Geschossen anschaulich vermittelt. Inspiriert fühlte sich Jette Gejl, wie sie im etwas verstiegenen Katalogtext skizziert, von der Idee der dänischen Künstlerkollektive als Gemeinschaften, in denen sich etablierte Künstler mit jungen Kollegen zusammentaten.

So konfrontiert die Kuratorin, die selbst als Künstlerin im Pavillon vertreten ist, renommierte Landsleute wie den 75-jährigen Bildhauer Erland Knudssøn Madsen oder die 73 Jahre alte Malerin Sys Hindsbo mit Künstlern der jungen und mittleren Generation. Im Nebeneinander der 21 Künstler offenbart sich eine charmante Frische und Eigenwilligkeit, die sich vom Nord- Art-Stil der überdeutlichen Gesten und lautstarken Effekte angenehm absetzt. Zudem hat Jette Gejl in ihrer Auswahl versucht, etwas von ihrem Land zu erzählen. „Der Pavillon hat eine dänische Sprache zwischen Vergangenheit, Tradition und Geschichte“, sagt auch Kurator Gramm, „und das trotz aller Globalisierungstendenzen.“

Ja, es liegen Welten zwischen den handlichen Modellen von Trafotürmen aus Karton, die das Kopenhagener Künstlerduo Randi & Katrine in Regalvitrinen an die Wand bringt, oder den chromblitzenden Meistern der Yuan-Dynastie, die der Chinese Li Xiangqun in der großen Halle wandeln lässt. Der Präsident der Lu Xun Akademie der Bildenden Künste in Peking überführt chinesische Skulpturtradition durch hochverchromten Edelstahlguss in die Gegenwart. Das blinkt ungemein, aber hat es eigentlich auch Seele?

Gewaltig, aber anders, das Phönix-Projekt seines Landsmannes Xu Bing, das vor zwei Jahren auch über den Wasserbecken der Arsenale-Docks auf der Biennale von Venedig Furore machte. Die beiden Phönixe sind mit ihrer Länge von 30 Metern und einem Gewicht von acht Tonnen die Idealbesetzung für die Halle 1 der ehemaligen Eisengießerei. Xu Bings gewaltige mythische Vögel aus Maschinenschrott, ausgedienten Baumaterialien und Alltagsgegenständen chinesischer Wanderarbeiter sind ein Denkmal für jene, die Chinas Wohlstand erarbeitet haben. Eine Dokumentation liefert Hinweise zur Entstehung des Phönix, der im November 2016 Büdelsdorf erreichte. Einen Monat lang war ein chinesisches Team mit dem Aufbau beschäftigt. Jetzt darf man staunen.

Nicht minder renommiert ist einer, den das Publikum im vergangenen Jahr zu seinem Lieblingskünstler erkor und den die NordArt schon seit Jahren verfolgt. David Cerny, den die Kunstzeitschrift „Art“

als bösen Buben der tschechischen Kunstszene etikettiert, wird den Publikumspreis zur Eröffnung entgegennehmen und darf in diesem Jahr als Fokus-Künstler einen Teil der großen Halle bespielen. Wer Cernys Aktionen und den Skandal um sein schlitzäugiges Entropa-Projekt für den Brüsseler Ministerrat verfolgt hat, weiß, dass die NordArt hier keinen Staatskünstler ins Rampenlicht stellt. Unter den Exponaten, die Cerny in Büdelsdorf zeigt, ist auch seine bissige Damien Hirst-Parodie: Ein Aquarium, in dem er einen Gefesselten ertränkt, der deutlich die Züge Saddam Husseins trägt.

Und sonst? Haben wieder jene Aufmerksamkeit verdient, die uns einfach ferner liegen. Zwölf junge Künstlerinnen aus Chile bilden da eine Gruppe, die den intensiveren Blick lohnt. Andere Boxen und Kabinette dagegen erscheinen wie Schauerkabinette zwischen Pinselporno, Fashion-Deko und Fantasy-Traumata. Dominik Schmitt, ein Maler aus Landau, versteht sich auf das Malen von Eingeweiden, die er in seinen surrealen Figurenbildern grotesk überblendet. An solchen Entgleisungen kommt die NordArt wohl nicht vorbei, aber ihre leiseren Töne wird man finden.

Maren Kruse

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