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Kultur im Norden Brahms à la française
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19:12 30.06.2017
Das Ausstellungsteam vor einem Bild von Brahms’ Wiener Wohnzimmer: Ingrid Fuchs und Otto Biba, beides Professoren vom Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, zwischen Wolfgang Sandberger (l.) und Stefan Weymar vom Brahms-Institut der Musikhochschule Lübeck. Quelle: Foto: Lutz Roessler
Lübeck

Ein Soldat schreitet in Knobelbechern trommelnd dahin, auf dem Kopf die preußische Pickelhaube. Und um ihn herum flattern putzige Putten. Mit diesem Titelbild vermarktete ein Leipziger Verlag 1915, im zweiten Jahr des Ersten Weltkriegs, das Lied „Marschieren“ von Johannes Brahms („für eine mittlere Singstimme mit Klavier“). Das Lied, eigentlich für Männerchor gesetzt, stammt aus den 1860er Jahren, und der Text von Carl von Lemcke ist militant: „Die Trommeln drummen: Kamrad, kumm! /Aus der verdammten Ki, Ko, Ka, / Aus der Kasern zu ziehen. /

Das Lübecker Brahms-Institut beleuchtet erstmals das Verhältnis des Komponisten zu Frankreich. Eine Schau zum Lesen, Schauen, Hören.

Hurra! Soldaten ziehn ins Feld, /Soldaten gehört die ganze Welt!“

Solche Strophen mobilisierten die Deutschen gegen den „Erbfeind“ Frankreich (und andere Kriegsgegner). Man hat damit dem Komponisten Brahms 18 Jahre nach dessen Tod in Wien nicht unrecht getan. Er selbst hat sich deutsch-patriotisch verewigt: 1872 mit seinem „Triumphlied“, Kaiser Wilhelm I. und dem Sieg gegen Frankreich gewidmet – ein oratorienhaftes Werk für Baritonsolo, Chor und Orchester.

Eine Verherrlichung der Schlacht von Sedan mit Bibeltexten.

Der Hamburger Brahms lernte Französisch

Man könnte also meinen, dass Johannes Brahms und Frankreich vor allem martialische Berührungspunkte hatten. Wolfgang Sandberger, Professor für Musikwissenschaft und Leiter des Brahms-Instituts an der Musikhochschule Lübeck, widerspricht dieser These: „Brahms kann man nicht als Feind Frankreichs bezeichnen. Er konnte sich durchaus für französische Musik und ihre Komponisten begeistern.“

Auch Brahms ist, wie viele Künstler seiner Zeit, von französischer Kultur infiziert worden, das ist ab heute Thema einer Ausstellung im Brahms-Institut. Die Ausstellung gehört zum Beiprogramm des Schleswig-Holstein Musik Festival, das in diesem Sommer den Franzosen Ravel feiert.

„Konfrontationen – Brahms und Frankreich“ haben Sandberger und sein Co-Kurator Stefan Weymar ihr Projekt genannt. Im Titel steckt immerhin ein Widerhaken – es gab Unvereinbarkeiten, was vor allem an den Zeitläuften lag.

Die Verbindungen der westlichen Nachbarn zu Brahms sind bislang noch nie genauer beleuchtet worden. „Während Veröffentlichungen zum Verhältnis von Richard Wagner zu Frankreich Regale füllen, ist das Thema Brahms und Frankreich Neuland“, sagt Sandberger. „Wir mussten uns zuerst auf Spurensuche begeben. Und wir haben zusammen mit unseren Freunden vom Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Verblüffendes entdeckt.“ Zum Beispiel, dass Brahms versuchte, Französisch zu lernen. Belegt ist eine Französisch-Grammatik aus seinem Besitz mit handschriftlichen Einträgen. Sie ist in der Ausstellung zu sehen.

Auch Brahms’ Affinität zu französischen Komponisten wird dokumentiert: „Als 20-Jähriger ist Brahms in Leipzig auf Hector Berlioz getroffen, der ihn sehr gerühmt hat. Brahms besaß sogar ein Berlioz-Autograph, das wir als Kostbarkeit aus Wien ebenfalls ausstellen. Das sind alles Spuren, mit denen wir nicht gerechnet hatten“, berichtet Sandberger.

Auch den Wahl-Franzosen Frédéric Chopin schätzte Brahms. Sandberger: „Wir zeigen, ebenfalls aus Wien, das Autograph einer Chopin-Etüde, deren perlende Triolenläufe Brahms recht teutonisch mit aberwitzigen Terzen und Sexten erweitert hat.“

Die „besondere Geliebte“ des Komponisten war Carmen

Der als protestantisch und tiefsinnig-deutsch verschrieene Brahms schwärmte ausgerechnet für die „Carmen“ des Franzosen Bizet. „Er hat die Oper zig Mal gesehen und sie als seine besondere Geliebte bezeichnet“, berichtet Sandberger. „Nietzsche hat über das Heiter-Graziöse der ,Carmen‘ geschrieben: ,Sie schwitzt nicht.‘ Das hätte Brahms sicherlich unterschrieben.“

Vor dem Hintergrund der deutsch-französischen Feindschaft und der deutschen Reichsgründung 1871 habe Brahms sich allerdings nicht als glühender Freund des Nachbarlandes hervorgetan. Sonst wäre das als gründerzeitliche Festmusik verfasste „Triumphlied“ nicht zu erklären, das will Sandberger nicht unter den Tisch fallen lassen: „Wir zeigen in unserer Ausstellung nicht nur dieses ,Triumphlied‘, sondern auch Bilder von der triumphalen Siegesparade, mit der Bismarck Frankreich gedemütigt hat.“

Doch Musik scheint auch damals Grenzen überwunden zu haben. Brahms wurde in Frankreich als musikalische Autorität wahrgenommen. Französische Konzertprogramme und Titelblätter von französischen Brahms-Ausgaben belegen das – Brahms à la française.

Es gab aber auch Ablehnung. Der französische Komponist Édouard Lalo wird in der Ausstellung mit den Worten zitiert: „Von der Wahl der Klangfarben hat er (Brahms) keine Ahnung. Würde einer von uns (Franzosen) das Orchester so mittelmäßig behandeln, so würden wir ihm zurufen – Lieber Freund, Sie sind nicht ohne Begabung, aber schnell zurück zur Schule.“ Doch das, sagt Sandberger, bezog sich ausschließlich auf musikalische Vorlieben, die in Frankreich andere waren als im deutschsprachigen Raum.

Französische Brahms-Interpreten und Brahms in Spielfilmen

Die Ausstellung „Konfrontationen – Brahms und Frankreich“ bietet neben zahlreichen Originaldokumenten – viele davon aus dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien – auch Hörstationen, an denen neben Brahms’ „Triumphlied“ auch „Brahms à la française“ zu hörten ist: Aufnahmen französischer Interpreten von Brahms-Werken. Zudem gibt es Ausschnitte aus Filmen zu sehen, in denen Brahms’

Musik eine Rolle spielte, „Lieben Sie Brahms?“ von 1961 nach dem Roman von Françoise Sagan. Darin wird der 3. Satz der 3. Sinfonie angespielt; oder „Die Liebenden“ (1958) von Louis Malle, in dem Streichsextett Opus 18 in B-Dur eine Liebeszene untermalt. Weitere französische Regisseure wie Claude Chabrol oder Claude Lelouche haben Brahms Musik eingesetzt.

Bis 16. Dezember im Brahms-Institut, Jerusalemsberg 4, Mi. und Sa., 14–18 Uhr, Eintritt frei Das Symposium „Konfrontationen – Musik im Spannungsfeld des deutsch-französischen Verhältnisses 1871-1918“ findet dazu heute ab 10 Uhr im Museum Behnhaus/Drägerhaus statt.

Eintritt: 5 Euro Programm im Internet: www.brahms-institut.de

Michael Berger

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