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Kultur im Norden Bratwursttorte aus der „Super Illu“
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18:18 14.12.2017
„Ein paar Chicks klarmachen“: Jan Weiler in den Lübecker Kammerspielen. Quelle: Foto: Olaf Malzahn
Lübeck

Jan Weilers Kinder sind in der Pubertät, und er schreibt darüber. Nick ist 15, Carla 18, und man kann natürlich fragen, ob die Pubertät mit 18 nicht allmählich mal abgeklungen sein sollte. Aber manche stecken mit 35 noch mitten drin, und dann ist es auch okay.

Pubertät ist dieses unbehauene Erdzeitalter im menschlichen Leben, in dem alles ziemlich kompliziert wird. Die Hormone kaspern herum, der Kopf will hierhin, der Körper dahin, man tappt im Dunkeln und findet den Schalter nicht. Das ist natürlich ein dankbares Thema für Kolumnisten, und wenn man es in luftige Sätze kleiden kann wie Jan Weiler, umso mehr.

Weiler tut das seit 2014, da ist sein erstes „Pubertier“-Buch erschienen. Jetzt liegt der dritte Band vor, und am Mittwoch hat er in den gut gefüllten Kammerspielen des Theaters Lübeck daraus und aus anderen Werken gelesen.

Er macht das gut. Er hat als gebürtiger Düsseldorfer diese rechtsrheinische Färbung, die an Dieter Nuhr erinnert. Ein ruhiger, leicht singender Tonfall, mit dem sich auch ausgewählte Boshaftigkeiten gut transportieren lassen. Er steigt hinab in diese Kammern des Schreckens, in denen sich seine Kinder gerade zu orientieren suchen. Er schildert Szenen aus den Minenfeldern des Erwachsenwerdens, die man ohne Gnade im Blick nicht verstehen kann. Von der Fahrschule etwa, in der Carla nicht blinken mag, weil die anderen dann ja wüssten, wohin sie will. Von der Bratwursttorte, für die Nick in der „Super Illu“ ein klasse Rezept gefunden hat. Von der Klassenfahrt nach Manderscheid in der Vulkaneifel, wo seit einem Vulkanausbruch vor 11000 Jahren nicht mehr viel passiert ist und es so ganz anders zugeht als in Amsterdam oder Berlin, wo man die Adresse von Sido rauskriegen und dann klingeln könnte, bis er schimpft.

Spazieren gehen zum Beispiel ist auch eine erstaunlich dumme Idee für junge Menschen, die mit ihren Handys wie „Kegelrobben“ auf dem Sofa liegen. Spazieren gehen ist ungefähr das Letzte, worauf sie kämen an einem Sonntagnachmittag. Es geht ihnen eher um Dinge wie „ein paar Chicks klarmachen“, wie Nick sagt. Also mit den Kumpels Aziz und Finn Lena, Anna und Chiara zu Hause zum Pizzaessen einladen und „dann gucken, was geht“. Aber weil am Ende die Jungs oben am Computer irgendwas an „Minecraft“ basteln und die Mädchen unten im Wohnzimmer mit ihren Smartphones sitzen, ist „Chicks-klarmachen-mäßig“ noch einige Luft nach oben.

Elternabende zum Beispiel sind auch großartige Schauplätze, zumal wenn der Elternsprecher alleine ein Zehn-Mann-Zelt aufbauen kann, abends mit der Familie Chrisde-Burgh-Songs für die Blockflöte transkribiert und auch sonst ein verzweifelt guter Mensch ist. Oder Halloween, wenn junge Zombies glutenfreie Süßigkeiten verlangen und ein veganes Mütter-Kommando vorher sicherstellt, dass nur Produkte aus der Region an der Haustür ausgehändigt werden.

Tochter Carla im Übrigen, die sonst ihren Freunden mit „quälenden Personalgesprächen“ den Laufpass gibt, hat Gefallen an Paul gefunden. Dafür darf dann er auch irritierende Sätze sagen wie: „Der frühe Vogel fällt selbst hinein.“ Ist halt Pubertät.

Autor und Dorfbewohner

Jan Weiler (50) war Werbetexter, bevor er Journalist und unter anderem Chefredakteur des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ wurde. Seit 2005 arbeitet er als freier Autor. Er schreibt die Kolumne „Mein Leben als Mensch“, die vor mehr als zehn Jahren erst im „Stern“ erschien und heute in der „Welt am Sonntag“ zu lesen ist. Sein Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ wurde mit großem Erfolg verfilmt und auf die Bühne gebracht. Auch das „Pubertier“ kam ins Kino (und ins Fernsehen). Sein neuer Roman „Kühn hat Ärger“ ist für den März 2018 angekündigt. Jan Weiler lebt mit seiner Familie in Bayern auf dem Land und in Umbrien.

Peter Intelmann

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