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Brecht mit alten und neuen Zutaten

Theater-Premiere in Lübeck Brecht mit alten und neuen Zutaten

So lebendig hat man Brechts modernen Klassiker lange nicht mehr gesehen. Sinnvoll ergänzt mit neuen Texten, ohne das Original dadurch zu schwächen, hervorragend besetzt und außerdem auch noch kurzweilig: Diese Labor-Version von „Mutter Courage“ kann sich sehen lassen.

Susanne Höhne ist eine überzeugende Mutter Courage. Ihr nimmt man das Leid ebenso ab wie den Zynismus der Kriegsgewinnlerin.

Quelle: THORSTEN WULFF

Lübeck. Die politischen Botschaften, die an diesem Abend ganz im Brechtschen Sinne transportiert werden, sind nicht neu. Wer Waffen exportiert, importiert Flüchtlinge. Die Erste Welt lebt auf Kosten der Dritten Welt. Im Krieg gibt es keine Gewinner, sondern nur Verlierer. Und überhaupt: Der Kapitalismus ist an allem schuld. Das weiß man alles, hat es tausend Mal gelesen, gehört und gesehen.

Geändert an diesen Zuständen hat sich seit Brechts Zeiten wenig bis überhaupt nichts, offensichtlich funktioniert die Welt nunmal so, seitdem Menschen auf ihr herumlaufen und sich gegenseitig die Schädel einschlagen.

Immer wieder hat das Theater versucht, gegen die politischen Umstände anzugehen und Aufklärungsarbeit zu leisten, mit den verschiedensten Mitteln. Andreas Nathusius zeigt viele dieser Mittel in seiner „Courage“-Inszenierung, und das macht einen Großteil der Faszination dieses Abends aus.

Nathusius spielt auf den verschiedensten Projektionsflächen der ansonsten fast leeren Bühne (Ausstattung: Annette Breuer) Szenen aus der Verfilmung von Brechts Modell-Inszenierung ein und lässt sie von seinen Schauspielern synchronisieren – als Erinnerung an die alten Zeiten wird dann auch der Planwagen der Mutter Courage über die Bühne bewegt. Dann geht er über zum Agitprop-Theater der 1930er Jahre, in dem man mit eher plakativen Mitteln die Revolution herbeispielen wollte. Und dann kommt auch noch das politische Theater der 1970er Jahre aus der Mottenkiste, garniert mit Bildern, die bei den Protesten gegen das G-20-Treffen in Hamburg hätten entstanden sein können. Das alles ergibt eine Reise durch deutsche Theatergeschichte, ohne jedoch das Originalstück aus dem Blick zu lassen. Und es zeigt sich, dass Brechts Text mit den traurigen Bekundungen eines Vaters zusammenpassen, der verzweifelt seinen Sohn von einem Kampfeinsatz in Afghanistan abhalten will.

„Mutter Courage“ so in unsere Zeit zu transportieren, ist ein großer Wurf.

Andreas Nathusius hat aber auch eine geschickte Hand für die Führung seiner Schauspieler. Das Ensemble, in schmuckloses Schwarz gekleidet, bewegt sich auf ausgeklügelten großen und kleinen Wegen, kein Schritt ist in dieser Inszenierung ohne Sinn. Auch der Einsatz der Original-Musik von Paul Dessau und moderner Kompositionen fügt sich zusammen.

Im Ensemble ragt Susanne Höhne in der Titelrolle heraus. Sie ist verzweifelt, schroff und liebevoll, traurig und zynisch – eine große Leistung. Überragend auch Robert Brandt als Feldprediger und Feldwebel: Er verleiht seinen Figuren eine Doppelbödigkeit, die nur auf den ersten Blick vergnüglich wirkt. Lars Wellings als Koch und Fähnrich ist ebenso wandlungsfähig, er gibt den Mann zwischen den Stühlen mit großem Engagement.

Agnes Mann als Hure Yvette und als Erzählerin spricht ihre Texte ganz wunderbar, ihr Spiel bewegt. Als Gast ist Vincenz Türpe wieder einmal zu sehen, er spielt den ältesten Sohn der Courage eindringlich. Ebenso mit Elan und Kraft agiert Johann David Talinski als zweiter Sohn der Marketenderin. Die stummer Tochter Kattrin spielt Sara Wortmann mit vollem Körpereinsatz zutiefst berührend.

Ein großer Theaterabend im Großen Haus, bei dem die drei Stunden Spieldauer wie im Fluge vergingen. Das Publikum war begeistert von diese Inszenierung, die Brecht aus dem Käfig der verhassten Schul-Lektüre befreite.

Nächste Aufführungen: heute um 16 Uhr, 22. Oktober um 18. Uhr.

 Von Jürgen Feldhoff

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