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Brecht und das Leben der anderen

Brecht und das Leben der anderen

Uwe Kolbe stellt seine Streitschrift über Bertolt Brecht im Schloss Plüschow vor.

Plüschow Die DDR hätte es natürlich auch ohne Bertolt Brecht gegeben, das ist keine Frage. Aber hätte es sie ohne den Dichter und Dramatiker, der seit 1948 in Ost-Berlin lebte, auch so lange gegeben? Was bedeutete es für das kleine Land, dass sich die Intellektuellen von BB, der zwar kein Parteikommunist war, aber sich so verhielt, beeinflussen ließen? Uwe Kolbe stellt diese Fragen in seiner Streitschrift „Brecht. Rollenmodel eines Dichters“ und liest daraus am Sonnabend im Künstlerhaus Plüschow in Nordwestmecklenburg – passend zur Ausstellung über die unangepasste Kunstszene der DDR in den 1980er Jahren.

 

LN-Bild

Liest im Künstlerhaus in Nordwestmecklenburg: Uwe Kolbe.

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Der Lyriker Kolbe spricht als Betroffener. Er wurde 1957 in Ostberlin geboren und sorgte als 25-Jähriger mit seinem ersten Gedichtband „Hineingeboren“ für Furore. Im titelgebenden Gedicht etwa heißt es „Kleines grünes Land enges, Stacheldrahtlandschaft...“ Solche Zeilen waren 1982 durchaus möglich und entsprachen dem reformerischen Impetus der damals systemkritischen Intelligenz und Künstlerszene. Halblaut wurde Kritik geübt, doch die meisten hatten sich ganz gut eingerichtet in den sozialistischen Nischen, und grundsätzlich stellten nur wenige das System in Frage. Dafür macht Kolbe BB verantwortlich. „Brecht war die Legitimation, warum man für die DDR sein konnte. Weil Brecht da war, musste man dableiben.“

Das galt allerdings nicht für den Lyriker Kolbe, der 1988 nach Hamburg übersiedelte, wo er heute, nach Jahren in Tübingen und Berlin, wieder lebt. Seit 2007 war er mehrfach als „Poet in Residence“ in den USA, er wurde mit dem Stipendium der Villa Massimo, dem Heinrich-Mann-Preis und dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet. Mehrere Lyrikbände sind im S. Fischer Verlag erschienen. In seinem Roman „Die Lüge“ (2014) beleuchtet er das Verhältnis eines systemtreuen Vaters zu seinem kritischen Künstlersohn. Parallelen zu Kolbes Leben sind zu erkennen, sein Vater war Führungs-IM der Stasi.

In seinem Brecht-Essay wirft Kolbe nicht nur ein neues Licht auf dessen letzte Jahre und sein Nachleben, sondern stellt auch die aktuelle Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen künstlerischer Kritik. Die Diskussion mit dem eloquenten und meinungsfreudigen Dichter verspricht, spannend zu werden.

Am Sonnabend, 13. August, liest Uwe Kolbe aus seinem Essay „Brecht. Rollenmodell eines Dichters“ (Verlag S. Fischer, 2016). Beginn ist um 17 Uhr, der Eintritt kostet 6 Euro.

Die Ausstellung „Absage – Ansage. Systemunabhängige künstlerische Positionen in den letzten DDR-Jahren“ ist bis 14. August von 11 bis 17 Uhr zu sehen.

Petra Haase

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