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Kultur im Norden Brexit – wie bei Monty Python
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17:24 09.04.2019
Irgendetwas ganz Furchtbares ist im Anflug: Szene aus dem Monty-Python-Film „Die Ritter der Kokosnuss“ aus dem Jahr 1975. Quelle: www.bridgemanimages.com
Lübeck

In Großbritannien zerlegt sich gerade das angesehenste Regierungssystem westlicher Prägung. Um das zu erklären, greifen immer mehr Beobachter auf die absurden Sketche der legendären Komikertruppe Monty Python zurück. Die hat sich zwar vor fünf Jahren aufgelöst, aber beim Brexit kopiert die Politik offenbar die Komiker.

All die bizarren Reden, die absurden Intrigen, die Perücken und Parlamentsregeln aus dem 17. Jahrhundert, die Leoparden-Schuhe der roboterhaften Premierministerin, die Ordnungsrufe und pittoresken Krawatten des Parlamentssprechers: Man meint es zu kennen aus der Fernsehserie „Flying Circus“, den Kinofilmen „Ein Fisch namens Wanda“, „Die Ritter der Kokosnuss“ oder „Der Sinn des Lebens“.

Absurdes aus Oxford und Cambridge

Vor fünfzig Jahren, im Frühjahr 1969, schließen sich die sechs Komiker Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin zusammen, um für die BBC die Fernsehserie Monty Python`s Flying Circus aufzunehmen. Sie stammen von den Elite-Universitäten Oxford und Cambridge, und sie behandeln Absurdität fast obsessiv. Ihr Erfolg ist durchschlagend. Auf die Fernsehserie folgen eine Reihe von Kinofilmen und weltweite, immer ausverkaufte Tourneen. In den englischen Sprachgebrauch ist das Attribut „Pythonesque“ für surrealen und absurden Humor eingegangen. Die Truppe verschiebt die Grenze des im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand Sagbaren. Ihr Film „Das Leben des Brian“, eine teils geschmacklose Persiflage auf das Neue Testament, darf in Deutschland nicht am Karfreitag, Volkstrauertag oder Totensonntag gezeigt werden, um die Gefühle von Gläubigen zu schützen. Zum 40. Jubiläum kommt er jetzt am 18. April trotzdem wieder ins Kino. Und John Cleese am 17. September solo in die Hamburger Laeiszhalle.

Kaum ein politischer Kommentator kommt dieser Tage ohne Vergleiche oder Anspielungen auf Monty Python aus. Am beliebtesten ist das von Terry Jones und Michael Pallin ersonnene Ministerium für Albernes Gehen (noch viel schöner auf Englisch „The Ministry of Silly Walks“): Vornehm mit Melone auf dem Kopf und „Times“ in der Hand begibt sich John Cleese an seinen Arbeitsplatz ins Ministerium. Niemand geht alberner als er. Als deshalb ein Mr. Putney sein albernes Gehen staatlich fördern lassen will, muss Cleese das Gesuch leider ablehnen. Denn das Ministerium für Albernes Gehen bekomme in diesem Jahr nur 348 000 000 Pfund. Allerdings erwarte er ein gemeinsames EU-Programm mit der französischen Regierung, mit dem dann auch nicht so albernes Gehen unterstützt werden könne.

Parade in Budapest

Im Zuge des Brexit wird dieser Sketch immer wieder zitiert. Hunderte Ungarn haben sich Anfang April zu einer Parade des Albernen Gehens in Budapest getroffen. Ein Teilnehmer wird von der Agentur Reuters zitiert, nur so könne man die bitteren Tagesprobleme vergessen.

Als sich die Menschen im 20. Jahrhundert unsinnige Handlungen, sinnlose Ereignisse, dem gesunden Menschenverstand Widersprechendes erklären wollten, sahen sie sich die Dramen des Absuden Theaters von Samuel Beckett und Eugène Ionesco an. Oder sie lasen die Bücher der existenzialistischen Philosophen Albert Camus und Jean-Paul Sartre, in denen der Widerspruch zwischen der sinnverneinenden Welt und dem nach Sinn suchenden Menschen beschrieben wird.

„Pythonesque!“

Inzwischen hat sich die Welt weiterentwickelt. Leitmedien sind nicht mehr Dramen oder Bücher. Sie sind in ihrem bestimmenden Einfluss von Kino, Fernsehen und Internet abgelöst worden. Im öffentlichen Raum werden jetzt Fernsehsketche oder Youtube-Filme herangezogen, um sich die Welt zu erklären. Und in der aktuellen britischen Krise sind es besonders oft die Sketche von Monty Python. Das Attribut „Pythonesque“ ist in den englischen Wortschatz aufgenommen worden.

Und es trifft sehr gut, was beim Brexit in der heißen Phase zu bestaunen ist. Das britische Unterhaus trifft sich während der Woche drei Tage und lehnt dabei jeden Antrag ab, der das Chaos, die große Unsicherheit abmildern könnte. Wenn man sich nach langer Debatte darauf einigt, einen „No Deal“ auszuschließen, ist dies rechtlich nicht bindend. Am Wochenende gibt es dann jeweils Intrigen gegen die Premierministerin – mal von den Brexiteers der Fraktion, mal aus dem eigenen Kabinett.

„Komm’, ich schlag’ dich zusammen“

Theresa May hat inzwischen den Spitznamen „Maybot“, „Roboter May“, weil sie immer wieder den Nonsens-Satz „Brexit heißt Brexit“ wiederholt. Spätestens im März hat sie ihre Autorität verloren. Der niederländische Regierungschef Mark Rutte verglich Theresa May dieser Tage mit dem schwarzen Ritter aus Monty Pythons Film „Die Ritter der Kokosnuss“, dem nach und nach Arme und Beine abgeschlagen werden, der seine Niederlage aber nicht eingestehen will. König Artus (in diesem Vergleich die EU) besiegt den schwarzen Ritter und stellt fest: „Du hast gar keine Arme mehr.“ „Wer sagt das?“, fragt er trotzig zurück. Und selbst als Artus antwortet „Na, kratz’ dich mal“, will der schwarze Ritter den Kampf nicht aufgeben. Er ruft ohne Arme auf einem Bein hüpfend seinem Gegner zu: „Komm’, ich schlag’ dich zusammen“. Da haut ihm Artus das zweite Bein weg. Aber der schwarze Ritter gibt sich nicht geschlagen. Wütend antwortet er: „Einigen wir uns auf Unentschieden.“

Christian Schwnadt

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